Politik | Ausland
11.09.2017

Bannon liest Republikanern die Leviten

Der Ex-Trump-Berater bleibt dem US-Präsidenten auch nach dem Rauswurf treu, aber doch mit einiger Kritik.

Die Augen rot entzündet, die Haut blässlich krank, die manchmal im Sekundentakt mahlenden Kiefer, wenn ihm eine der vielen Fragen von Charlie Rose unter die ideologisch gegerbte Haut ging: Man kann sich seit Sonntagabend die vergiftete Atmosphäre, die im Weißen Haus geherrscht haben muss, als Stephen Bannon noch in Amt und Würden war, lebhaft vorstellen.

In seinem ersten Interview nach dem Rauswurf als strategischer Chefberater von Donald Trump (ausgerechnet mit dem Sender CBS, Vertreter der ihm verhassten liberalen Durchschnitts-Presse) hat der Chef des rechtspopulistischen Propaganda-Portals Breitbart News demonstriert, was es es bedeutet, wenn ein bekennender „Straßenkämpfer“ vorübergehend Regierungsmacht in die Hände bekommt.

In einem unbarmherzigen Rundumschlag gegen die Washingtoner Eliten warf der 63-Jährige, der seine lodernde Wut kaum verbergen konnte, den Republikanern vor, den Präsidenten der Vereinigten Staaten zu sabotieren. „Das republikanische Establishment versucht, die Wahl von 2016 für null und nichtig zu erklären“, sagte der ehemalige Marine-Offizier.

Trump sei für eine flächendeckende Korrektur der Obama-Politik gewählt worden. Mitch McConnell und Paul Ryan, die entscheidenden Figuren im Kongress, unternähmen jedoch alles, um diese Ziele zu torpedieren. Weder bei der Reform der Krankenversicherung noch bei der Überarbeitung der komplizierten Steuergesetze sei die Mehrheitspartei zeitlich im Plan. „Sie wollen nicht, dass Trumps populistische Agenda des ökonomischen Nationalismus umgesetzt wird.“ Bannon sieht auch in Leuten wie Gary Cohn, oberster Wirtschaftsberater Trumps, starke Bremsklötze. Der frühere Goldman-Sachs-Banker hätte längst zurücktreten müssen, so Bannon.

Ohne Trump zu erwähnen, geht der bis in rechtsextreme Kreise verehrte Populist mit seinem ehemaligen Chef punktuell hart ins Gericht. Der Rauswurf von FBI-Chef James Comey, den Trump für die Fortsetzung der Ermittlungen in der Russland-Affäre verantwortlich macht, sei wahrscheinlich der "größte Fehler in der modernen politischen Geschichte" gewesen, sagte er. Trump habe sich mit einer „Institution“ angelegt - der Bundespolizei - und dabei ein Eigentor geschossen. Begründung: Ohne die Entlassung Comeys hätte Trump heute nicht Sonder-Ermittler Robert Mueller an den Fersen, der seit Wochen jeden Stein in der Causa Russland dreimal umdreht. Eine Affäre, die für Bannon erwartungsgemäß keine ist. Der Vorwurf, die Trump-Kampagne habe mit Kreml-nahen Gestalten vor der Präsidentschaftswahl 2016 kollaboriert, sei eine „totale Farce“, der Sache nachzugehen „Zeitverschwendung“. Nicht festlegen will sich Bannon indes in der Frage, ob Russland versucht hat, die US-Wahl generell zu beeinflussen. „Das müssen die Ermittlungen zeigen.“

Bannon befürchtet "Bürgerkrieg" der Republikaner

Bannons größte aktuelle Sorge ist der Streit um die Zukunft von rund 800 000 jungen Menschen, meist Latinos, die als Kinder illegal in die Vereinigten Staaten gekommen sind und bis vor kurzem durch eine Obama-Anordnung vor der Abschiebung geschützt waren. Trump hat das Dekret unter landesweitem Protest aufgehoben, es aber dem Kongress überlassen, bis März nächsten Jahres eine verfassungsfeste Lösung zu finden. Bannon spricht für Teile der Trumpschen Basis, wenn er fordert, dass sich die sogenannten „Dreamer“, die teilweise im Babyalter nach Amerika kamen, nach Ablauf ihrer Duldung „selbst deportieren“.

Aber er weiß, dass Dutzende moderate Republikaner ein dauerhaftes Bleiberecht im Auge haben. Die darüber anstehende Auseinandersetzung habe das Zeug, die „Grand Old Party“ (GOP) in einen „Bürgerkrieg“ zu stürzen. Mit der möglichen Konsequenz, dass bei den Zwischenwahlen zum Kongress im November nächsten Jahres die republikanische Mehrheit verloren geht. Dass vor allem die Katholische Kirche gegen Trumps Immigrations-Politik wettert, hält der frühere Hollywood-Produzent und Wall Street-Banker für verlogen: „Sie brauchen illegale Einwanderer, um ihre Kirchen zu füllen.“

Bannon: "Ich war der einzige, der den Präsidenten verteidigt hat."

Ähnlich gegen den Strich geht Bannon die Debatte um Trumps ambivalentes Agieren nach einer Demonstration von Neonazis und Rechtsextremisten, die in Charlottsville/Virginia gegen den geplanten Abriss von Konföderierten-Denkmälern aus der Zeit des amerikanischen Bürgerkriegs auf die Straße gingen. Dabei kam es zu blutigen Auseinandersetzungen mit linken Gegendemonstranten. Ein Neonazi tötete eine Demonstrantin mit seinem Auto. Bannon riet Trump, die Gewalt quasi paritätisch zu verurteilen. Was folgte, war eine Sturzflut der Kritik. Bannon: "Ich war der einzige, der den Präsidenten verteidigt hat."

Bannon und das „Umkleidekabinen-Geschwätz"

Bannon zeichnet von sich das Bild eines uneingeschränkt loyalen Unterstützers; auch und gerade in schwierigen Situationen. Beispiel: frauenfeindlicher Gesprächsmitschnitt. Als kurz vor der Wahl das berüchtigte Tape aus der Sendung „Access Hollywood“ ans Tageslicht kam (Trump brüstete sich darin, Frauen zwischen die Beine fassen zu können, weil er unantastbar erfolgreich sei), habe es eine Schlüssel-Situation gegeben. Reince Priebus, bis zu seiner Entlassung vor wenigen Wochen Stabschef im Weißen Haus, habe Trump vor die Wahl gestellt: Entweder die Kandidatur fallen zu lassen oder in historischer Dimension gegen Hillary Clinton zu verlieren. Nur er allein, Bannon, habe zu Trump gehalten und ihm trotz des öffentlichen Aufschreis eine „hundertprozentige Siegeschance“ bescheinigt. Warum? Weil Trumps Sätze nur „Umkleidekabinen-Geschwätz waren". Sprich: nicht wichtig für die Anhänger aus der Gruppe der vernachlässigten weißen Unterschicht.

Wozu Bannons Verständnis von Nibelungentreue führt, zeigt die Personalie Chris Christie. Der Gouverneur von New Jersey war im Herbst 2016 für einen Kabinettsposten im Gespräch. Als er sich nach Trumps sexistischen Einlassungen distanzierte, sank sein Stern rapide - auch wegen Bannon. „Ich habe ihm gesagt, das Flugzeug startet um 11 Uhr morgens“, erzählte Bannon im CBS-Interview genüsslich, „wenn Du auf dem Flieger bist, gehörst Du zum Team. Er hat es nicht ins Flugzeug geschafft.“

Bannon hält sich wie Trump für einen „großartigen Boxer“, der „zurückschlagen“ kann. Trotz leiser Kritik an Trumps Twitter-Regime („manchmal ist es nicht so gut“) sieht sich der bekennende Systemveränderer als verlässlichen Prätorianer. Bis zum Ende seiner Amtszeit werde er Trumps „Wingman" sein und dessen Feinde „zur Verantwortung ziehen“. In der US-Luftwaffe ist das der Titel für einen Piloten, der einen fliegenden Kollegen, der unter Beschuss ist, unterstützt.

Was Bannon darunter versteht, raubt vielen Konservativen den Atem. Er lässt kritische Vergleiche vor allem mit der konservativen Vor-Vorgänger-Regierung unter George W. Bush schlicht nicht zu. Leute wie Condoleezza Rice, Brent Scowcroft und Colin Powell (damals für nationale Sicherheit zuständig) hätten Amerika in das Debakel in Afghanistan und im Irak geführt. „Ich verachtet diese Leute total. Sie sind Idioten.“