Aufstieg und Fall des Muammar al-Gaddafi

Der libysche Revolutionsführer ist gefallen. Eine Rückschau auf den exzentrischen Diktator.

Mit fast 42 Jahren Regierungszeit war Muammar al-Gaddafi Afrikas dienstältester Herrscher, er selbst nannte sich deshalb den "König der afrikanischen Könige".
Am Donnerstag starb er 69-jährig in Libyen. Zu den harmlosen Sonderlichkeiten des Revolutionsführers gehörte stets das berühmte Beduinenzelt, das er ins Ausland mitnahm. Eine weitere Schrulle des Revolutionsführers war die frische Kamelmilch, auf die er morgens nicht verzichten wollte, weshalb immer auch einige Kamelstuten mit ins Flugzeug mussten. Aussagekräftig war auch seine Vorliebe für schlagkräftige  weibliche Bodyguards und ... ...ausgefallene Uniformen, denn seine Herrschaft festigte Gaddafi mit eiserner Hand. Politische Gegner wurden gnadenlos unterdrückt. Nach eigenen Worten wurde Gaddafi 1942 in einem Beduinenstamm in der Wüste nahe der Stadt Sirte geboren. Die Stadt ist nach nun wochenlangen Kämpfen total zerstört. Im September 1969 putschte sich Gaddafi unblutig an die Macht und rief wenige Jahre später den "Staat der Massen" aus, der sich selbst regieren soll, weshalb Gaddafi sich nie Staatschef nennen ließ. 1975 besuchte Österreichs Bundeskanzler Kreisky Gaddafi in Libyen, 1982 folgte der Gegenbesuch in Wien. Zum international Geächteten wurde Gaddafi nach einer Serie von Anschlägen, die seinem Regime zugeschrieben wurden: Im April 1986 starben bei einem Anschlag auf die Berliner Diskothek "La Belle" drei Menschen, mehr als 230 weitere wurden verletzt. Ebenfalls 1986 fliegen die USA Luftangriffe auf Tripolis und Bengasi. Gaddafis Adoptivtochter Hana kommt dabei im Alter von 15 Monaten ums Leben. Zwei Jahre später explodierte über dem schottischen Lockerbie ein US-Flugzeug und riss 270 Menschen in den Tod, im Jahr darauf starben 170 Menschen beim Absturz einer französischen Maschine in Niger. Anfang der 90er Jahre verhängten die Vereinten Nationen ein Handelsembargo. Jahrelang hielt Gaddafi dem Druck stand, doch im Frühjahr 2003 entschädigte er dann die Opfer der beiden Flugzeuganschläge, wenig später schwor er öffentlich seinem Rüstungsprogramm ab. Diplomatische Konflikte mit Bulgarien oder der Schweiz regten bisweilen die Öffentlichkeit auf– bis hin zum Vorschlag Gaddafis, die Schweiz solle „aufgelöst“ werden. Zwei Schweizer, die seit zwei Jahren wegen angeblicher Visa-Vergehen und illegaler Einreise in Haft waren, werden freigelassen. Die Affäre steht wahrscheinlich im Zusammenhang mit einer vorübergehenden Festnahme von Gaddafi-Sohn Hannibal 2008 in Genf. Ab 1999 gibt es rege Kontakte zwischen Libyen und Kärnten – mehrere Besuche Jörg Haiders folgen. Im Jahr 2010 ist Gaddafi Gastgeber des EU-Afrika-Gipfels in Tripolis. Gaddafi vollzog in diesen Jahren eine radikale Kehrtwende und streckte die Hand nach dem Westen aus. Libyen wurde zeitweise wieder hoffähig, die UNO hob das Embargo auf. Internationale Konzerne standen fortan in Tripolis Schlange, um Geschäfte mit dem viertgrößten afrikanischen Ölproduzenten einzufädeln. Doch das alles hat nichts genützt: Seit Februar 2011 kämpften Rebellen für den Sturz des Diktators, ab März mit Unterstützung der NATO. Am 20. Oktober fiel erst Sirte, dann wurde Gaddafis Tod gemeldet.

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(apa / csm) Erstellt am
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