Alice Weidel provoziert und profitiert.

© REUTERS/AXEL SCHMIDT

Bundestagswahl
09/20/2017

Alice Weidel: Jung, lesbisch und sehr weit rechts

Die AfD wird radikaler und holt in den Umfragen auf.

von Sandra Lumetsberger

Sie ist jung, lesbisch, zieht mit einer Frau aus Sri Lanka zwei S√∂hne auf, promovierte √ľber Chinas Rentensystem, arbeitete f√ľr Goldman Sachs und ist befreundet mit einer syrischen Fl√ľchtlingsfamilie ‚Äď Alice Weidel Biografie liest sich, wie die einer liberalen Weltb√ľrgerin.

Wäre da nicht noch die andere Alice. Eine Frau, die als Spitzenkandidatin bei der fremden- und schwulenfeindlichen AfD antritt, die dort Werte der traditionellen Familie hochhält und auf Andersgläubige schimpft: "Ich will den Weg nicht zugepflastert haben von betenden Muslimen."

Weidels Privat- und Parteileben k√∂nnte nicht unterschiedlicher sein. Freunde sch√ľtteln dar√ľber den Kopf, einige haben sich von "Lille" abgewandt. Auf Fragen, wie sie ihre Homosexualit√§t und das Familienkonzept der AfD mit sich vereinbaren kann, wird sie schmallippig. Ihr Thema sei Wirtschaftspolitik. Und: "Familienpolitische Sprecherin werde ich bestimmt nie werden."

Provokationen

Die 38-J√§hrige sollte eigentlich den gem√§√üigteren Part in der AfD verk√∂rpern. Dass sie v√∂lkischem Gedankengut durchaus nahe steht, zeigt eine eMail, die der Tageszeitung Welt vorliegt, der Empf√§nger gab eine eidesstattliche Erkl√§rung ab. Weidel schimpft auf die Regierung, die die Aufgabe hat "das deutsche Volk klein zu halten, indem molekulare B√ľrgerkriege in den Ballungszentren durch √úberfremdung induziert werden soll."

Davon hat sie sich bis heute nicht distanziert. Wieder eine gezielte Provokation? So wie das Verlassen einer Diskussionsrunde im ZDF-Studio vor fast zwei Wochen ("parteiisch und vollkommen unprofessionell"). Es w√ľrde zur Strategie der AfD passen, die sich im Wahlkampf-Endspurt noch radikaler gibt ‚Äď das sorgt f√ľr Emp√∂rung und Aufmerksamkeit. Die Partei ist in den Schlagzeilen und wieder in den K√∂pfen der Menschen angekommen. Lange sah es so aus, als w√ľrde die AfD weit unter zehn Prozent bleiben. Vor allem nach Bj√∂rn H√∂ckes Sager zum Holocaust-Mahnmal ("Denkmal der Schande"), der viele b√ľrgerliche W√§hler abschreckte.

Nun steht die Partei aber bei Werten um zw√∂lf Prozent. Parteienforscher Oskar Niedermayer von der Freien Universit√§t Berlin macht auch das TV-Duell daf√ľr verantwortlich ‚Äď dadurch sei das Fl√ľchtlings-Thema wieder im √∂ffentlichen Diskurs angekommen.

Begleitet werden die TV-Diskussionen von rechten Online-Aktivisten, die dazu Falschnachrichten und Botschaften mit Bildern unterlegt (Memes) in sozialen Netzwerken streuen. Organisiert und mobilisiert wird unter dem Deckmantel der Anonymität, etwa auf Webseiten wie 4Chan.

Anti-Merkel-Seite

Eine weitere Waffe: Social Bots, das sind Roboter-Programme, die Accounts erstellen. Sie erkennen, wenn ein echter Nutzer zu einem Thema schreibt. Sie reagieren sofort, schreiben etwas oder verschicken einen Link ‚Äď etwa zu jener Webseite, die Merkel als Verbrecherin diffamiert: Das Gesicht der Kanzlerin flimmert auf dem Bildschirm, daneben steht in Gro√übuchstaben "Die Eidbrecherin". Diese Seite wurde vergangene Woche von der AfD lanciert, dahinter steckt die US-Agentur Harris Media, die bereits f√ľr die Republikaner Kampagnen schmiedete und Hillary Clinton als kriminell verunglimpfte.

Damit dies auch bei den deutschen W√§hlern funktioniert, nimmt die AfD, laut Spiegel-Recherchen, einen f√ľnfstelligen Betrag in die Hand, um die Merkel-Seite in sozialen Medien zu bewerben. W√§hrend sich Google, weigere, habe Facebook damit kein Problem, berichtet das Magazin.

An weitere Grenzen wird die AfD auch nach der Bundestagswahl sto√üen. Bereits jetzt haben alle Parteien angek√ľndigt, nicht mit ihr zu verhandeln. Anders verh√§lt es sich in √Ėsterreich, wo die Gro√üparteien schon l√§nger keine Ber√ľhrungs√§ngste mehr zur FP√Ė haben. Nicht umsonst haben Alice Weidel und Co. den Kollegen im Juni einen Besuch in Wien abgestattet und sich vielleicht den einen oder anderen Tipp geholt.

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