Syrische Regierungstruppen im Farafira-Viertel im Nordwesten Aleppos.

© APA/AFP/GEORGES OURFALIAN

Syrien
09/28/2016

Aleppo: "Häuserkampf würde wohl Wochen dauern"

Der Politologe Thomas Schmidinger über die verfahrene Situation in Aleppo – und warum die Schlacht um die Stadt im Norden Syriens zu ungewöhnlichen Bündnissen führt.

von Karl Oberascher

In Aleppo entscheidet sich dieser Tage der syrische Bürgerkrieg. Darüber sind sich die meisten Beobachter einig. Wochenlang wurde der von einem Bündnis aus Oppositionskräften gehaltene Ostteil der Stadt sturmreif geschossen. Seit Dienstag schickt Assad nun auch Bodentruppen vor. „Entschieden ist die Schlacht jedoch noch lange nicht“, sagt Thomas Schmidinger. „Am Boden sind beide Seiten derzeit sehr schwach. Wenn es zu Hauserkämpfen kommt, würde dieser wohl noch Wochen dauern, bis eine Seite die Stadt wirklich unter Kontrolle bekommen hätte.“

Der Politologe von der Universität Wien pflegt seit Jahren gute Kontakte in die Region und war auch in den vergangenen Jahren immer wieder in Syrien. Im Moment sei das Regime leicht im Vorteil, sagt Schmidinger. „Man sollte aber auch nicht vergessen, dass der Regierungskorridor nach Aleppo relativ schmal ist und das ganze Gebiet westlich von Aleppo unter Kontrolle verschiedener Rebellengruppen ist, während der IS relativ nahe davon im Osten der Stadt steht.“

Soviel zur militärischen Ausgangslage. Wie untrennbar diese auch immer mit menschlichen Tragödien verbunden ist, wird in Aleppo besonders deutlich. Noch immer sollen sich Schätzungen der UNO zufolge rund 300.000 Menschen im umkämpften Ostteil der Stadt aufhalten. Ausgebombt, ausgehungert, seit Wochen ohne fließendes Trinkwasser.

"Türkische Grenzpolizisten schießen auf Flüchtlinge"

Wieso sie noch nicht längst geflohen sind? „Es ist eine schwere Entscheidung: Harre ich weiter aus, oder versuche ich die lebensgefährliche Flucht über die Front?“, sagt Schmidinger. „Die Leute, die geflohen sind, haben entweder die finanziellen Ressourcen oder Verwandte in der Umgebung.“ Über die türkische Grenze würden es nur noch wenige versuchen. „Dort schießen türkische Grenzpolizisten mittlerweile mit scharfer Munition auf Flüchtlinge.“

Dass Rebellen die Menschen daran hindern würden, ihr Gebiet zu verlassen, hält der Nahost-Experte für unwahrscheinlich. „Dieser Vorwurf wird vor allem von Regierungsseite erhoben, aber wie sollte man das in dieser Situation effektiv kontrollieren?“

Sonderfall Aleppo

Eine Entspannung der verfahrenen Situation ist also noch lange nicht in Sicht – und die Ausgangslage ist nicht weniger kompliziert.

Fünf Jahre Krieg haben die Bündnisse kräftig durcheinandergewürfelt. Aleppo mag ein Wendepunkt im syrischen Bürgerkrieg sein – exemplarisch ist die Schlacht um die zweitgrößte Stadt des Landes aber nicht, sagt Schmidinger. „Was in Aleppo gilt, muss im Süden des Landes schon nicht mehr stimmen.“

Überraschende Koalitionen

So kämpfen auf Regierungsseite inzwischen auch kurdische Rebellen der YPG – eine Koalition, die außerhalb der Stadt undenkbar wäre. „Das alte Kurdenviertel ‚Sheikh Massud‘ hat sich zu Beginn der Belagerung als neutrale Zone zwischen Regierungstruppen und Rebellen etabliert.“ Nachdem sich die dschihadistischen Kräfte innerhalb der Rebellen mit Fortdauer der Belagerung durchgesetzt hätten, seien von dort auch immer mehr Beschüsse gekommen, was die Kurden zu dieser ungewöhnlichen Koalition bewogen hätte. „Dass sie das Viertel nach einem Sieg Assads halten könnten, glaubt aber dort niemand“, sagt Schmidinger.

Außerdem auf Seiten der Regierungstruppen: Die libanesische Hisbollah, die palästinensische Miliz „Liwa al-Quds“, mehrere irakisch-schiitische Milizen, Sondereinheiten der iranischen Armee und iranische Milizen. Letztere würden sich insbesondere aus der aus Afghanistan stammenden Volksgruppe Hazara rekrutieren, die vor den Taliban in den Iran flüchteten und dort nun gezielt angeworben werden, um in Syrien gegen die sunnitischen Rebellen zu kämpfen.

Und natürlich: Russland. Ohne die Unterstützung der russischen Luftwaffe wäre die Schließung des Versorgungskorridors, den Rebellengruppen im Sommer erkämpft hatten, undenkbar gewesen, sagt Schmidinger.

Zweckbündnisse

Auch die Rebellen gingen in den vergangenen Monaten Zweckbündnisse ein, die in anderen Teilen des Landes nicht mehr vorstellbar sind.

Organisiert sind sie in der – unter anderem von der Türkei unterstützten – Allianz „Dschaisch al-Fatah“, was übersetzt so viel wie „Armee der Eroberung“ oder „Armee des Sieges“ heißt. Hier ist ein breites Spektrum von islamistischen Gruppen organisiert. Zu den gemäßigteren zählt die Gruppe „Harakat Nour al-Din al-Zenki“. „Im Kern wurde diese Einheit von Moslembrüdern gegründet, die eigentlich eine gemäßigtere Form des politischen Islam vertreten“, sagt Schmidinger. Allerdings habe auch diese Gruppe in der Vergangenheit Kriegsverbrechen schuldig gemacht. Im Juli sorgte ein Video, in dem ein zwölfjähriger Bub geköpft wurde, für weltweite Empörung.

Dominierend in der „Dschaisch al-Fatah“ – der Rebellenallianz in Aleppo - sind die „Dschabhat Fatah al-Scham“ (die ehemalige Al-Nusra-Front, und damit ein direktes Derivat des „Islamischen Staates“) und die „Ahrar al-Scham“. Beide Gruppen vertreten eine extrem wahabistische Ideologie, vergleichbar mit jener des IS.

Gemäßigte Gruppen wie die von den USA unterstützte „Free Syrian Army“ (FSA) sind laut Schmidinger schon länger zerfallen. Ein einheitliches militärisches Gebilde war die FSA ohnehin nie. Immer schon habe es islamistische und säkulare Brigaden gegeben. Mit der Gründung der „Islamischen Front“ im November 2013 hätte sich das Bündnis – jedenfalls im Norden Syriens – zerschlagen, es kam sogar zu Kämpfen unter den Brigaden. Säkulare Kräfte seien daraufhin in die Türkei geflüchtet und würden jetzt im Norden Aleppos wieder an der Seite der Kurden in den „Syrian Democratic Forces“ (SDF) kämpfen.

"Für Leute, die jeden Tag um ihr Leben fürchten, wird Religion oft viel wichtiger"

Die streng hierarchisch organisierten dschihadistischen Brigaden seien da im Vorteil gewesen, sagt Schmiedinger. „Dazu kommt die Unterstützung von regierungsnahen Stellen von Golfstaaten und der stete Nachschub an ausländischen Kämpfern.“

Vielleicht liegt es auch an der menschlichen Natur, dass die dschihadistischen Kräfte in diesem Konflikt, der 2011 einmal mit friedlichen Protesten begann, die Überhand gewonnen haben. Schmidinger: "Für Leute, die jeden Tag um ihr Leben fürchten, wird Religion oft viel wichtiger.“

Dass die internationale Einmischung den Konflikt nur verlängert habe, ist laut Schmidinger nur ein Teil der Wahrheit. Hätte es 2013 ein beherzteres Eingreifen gegeben wäre Assad vielleicht schon gestürzt – und die Opposition hätte sich nicht so radikalisiert. „Wenn man Assad früher gestürzt hätte, wäre Syrien viel erspart geblieben.“

Zur Person: Dr. Thomas Schmidinger lehrt am Institut der Politikwissenschaft der Universität Wien. Seine Forschungsschwerpunkte sind u.a. der Nahe Osten und der Politische Islam. Mehrmals hat er in den vergangenen Jahren Syrien besucht. In Aleppo war er nicht, "das wäre Selbstmord". Seine aktuelle Publikation: "Krieg und Revolution in Syrisch-Kurdistan".