Der ehemalige südafrikanische Verfassungsrichter und Freiheitskämpfer Albie Sachs singt alte Lieder aus seiner Zeit im Gefängnis, wenn Studierende zu ernst sind.

© APA/EPA/TANG PRIZE FOUNDATION / HANDOUT

Interview
04/06/2015

"Meine Rache war ein freies Südafrika"

Albie Sachs überlebte schwerverletzt ein Bombenattentat und kämpfte danach als Richter für sein Heimatland.

von Jürgen Klatzer

Er war einer der wenigen weißen Südafrikaner, die aktiv gegen das Apartheidregime gekämpft haben. Als Anwalt verteidigte Albie Sachs hauptsächlich Menschen, die wegen ihrer Hautfarbe diskriminiert wurden. Er wurde inhaftiert, verfolgt und zur Flucht ins Exil gezwungen. Für einen Tag war Sachs zu Besuch in Österreich.

KURIER: Herr Sachs, seit Ihrem 17. Lebensjahr kämpften Sie für die Abschaffung der Apartheid, waren bei der Entwicklung einer neuen Verfassung beteiligt und 15 Jahre Richter am Verfassungsgerichtshof. 2009 traten Sie Ihren Ruhestand ...

Albie Sachs: Entschuldigen Sie bitte, aber ich benutze das R-Wort nicht. Ich nenne es die Zeit nach 15 wundervollen Jahren am Verfassungsgerichtshof.

Ok. Genießen Sie nun diese Zeit?

Um ehrlich zu sein, das erste Jahr war schrecklich. Natürlich, ich kam viel rum, wurde geehrt, schrieb ein erfolgreiches Buch, hatte mehr Zeit für mich und meine Familie. Aber wenn man jahrzehntelang für ein gerechtes Südafrika gekämpft hat, fühlt man sich in einer seltsamen Art und Weise ausgeschlossen.

Sie halten doch Vorlesungen, schreiben Bücher, sind in Filmprojekte involviert. Ist Ihnen das zu wenig?

Ja das stimmt. Nach diesem einen betrübenden Jahr wurde ich wieder richtig aktiv. Ich liebe es, an Universitäten zu sein und zu lehren. Manchmal sind mir die Studierenden aber zu ernst. Dann fange ich an unsere alten Lieder, die wir im Kampf gegen das Apartheidregime oder im Gefängnis gesungen haben, vorzutragen. Das lockert die Atmosphäre.

Von 1994 bis 2009 war Sachs Richter am südafrikanischen Verfassungsgerichtshof.

Apropos Kampf gegen die Apartheid. Sie haben als weißer Anwalt schwarze Südafrikaner verteidigt. Das war damals ungewöhnlich, oder?

Nein, das denke ich nicht. Anwälte verteidigen ihre Klienten. Ich habe niemals auch nur einen Gedanken daran verschwendet, dass ich ein weißer Anwalt war. Die Hautfarbe ist zwar ein Phänomen, das du nicht ablegen kannst, aber in diesen Situationen war ich entweder Kamerad Albie oder Anwalt Albie Sachs. Mein Job war Anwalt zu sein. Und für die Freiheit zu kämpfen, war meine Entscheidung. Es erfüllt mich mit Stolz, die Rechte der Menschen zu schützen.

Sie wurden wegen ihrer Verbindung zur damaligen Freiheitsbewegung und jetzigen Regierungspartei African National Congress (ANC) inhaftiert und verfolgt.

Das war der Preis, den ich zahlen musste. Ich kann mich noch genau an einen Gefängniswärter erinnern, der schlimmer war als alle anderen. Wegen seiner Größe und seiner kurzgeschorenen, rötlichen Haare nannten wir ihn Rooiross (Rotes Ross). Er war brutal, schrie und warf mit Gegenständen um sich. Er war für den Tod vieler meiner Freunde verantwortlich. Zu dieser Zeit war ich ein gebrochener Mann. Als ich freigelassen wurde, ging ich ins Exil nach London.

Sie kamen trotz Verbot nach Afrika zurück und überlebten 1988 ein vom südafrikanischen Sicherheitsdienst verübtes Bombenattentat in Mosambik.

Das Attentat ist und bleibt ein Teil von mir, wie auch die Inhaftierungen und die Flucht ins Exil. Wir wussten alle, dass jederzeit ein Attentat verübt werden kann. Die Frage war: Überlebt man, oder nicht? Und ich habe überlebt. Von da an wusste ich, ich muss unbedingt in meine Heimat zurück und helfen, eine neue Verfassung zu entwickeln. Das war meine Rache gegen die Bombenleger.

Empfanden Sie damals Wut?

Nein, ich war stolz, dass ich überlebt habe. Viele andere waren zornig. Als ich im Krankenhaus lag, bekam ich einen Brief eines Freundes: ‚Kamerad Albie, sei nicht besorgt. Wir werden dich rächen'. Ich dachte mir, warum rächen? Will man dem Bombenleger einen Arm abschneiden oder ein Auge ausstechen? Nein, mein Wunsch war es nie, den Gegnern das anzutun, was sie uns angetan haben. Meine Rache war ein freies und gerechtes Südafrika.

Aber haben Sie jemals an eine friedliche Lösung geglaubt?

Wir wussten, dass die Freiheit nicht vom Himmel fallen wird. Deshalb verbrachte ich die meiste Zeit meines Lebens in geheimen Sitzungen, um die nächsten Schritte zu planen. Aber Freiheit propagieren, heißt nicht, dass man frei ist. Tagtäglich arbeiteten tausende Menschen für ein besseres Südafrika. Es waren sehr oft sehr schwierige Tage dabei. Und es ist traurig, dass dieser ganze Aufwand mit einem Wunder oder ausschließlich mit der Person Nelson Mandela assoziiert wird. Mandela war großartig, wundervoll und zugleich ein Teil des Kollektivs. Das neue Südafrika war kein Wunder, es war ein Kraftakt aller Beteiligten. Das darf nicht kleingeredet werden.

Nelson Mandela, Bill Clinton

FILE SOUTH AFRICA MANDELA HOSPITAL

SOUTH AFRICA MANDELA OBIT

A woman cleans up outside the South African Embas…

A picture and a letter are placed in front of the

A poster with messages is seen outside on Vilakazi

A man holds candles in front of a mural of former

File photo of African National Congress vice-presi

USA BASKETBALL NBA MANDELA OBIT

Nelson Mandela

Nelson Nandela

File photo of Nelson Mandela wearing a cap present

File photo of South Africa's President Nelson Mand

A wreath of flowers is placed near a banner depict…

A woman with a banner pays tribute to Nelson Mande…

Mit der sogenannten Wahrheits- und Versöhnungskommission wurde auch den Tätern die Chance gegeben, ein Teil des künftigen Südafrikas zu werden.

Die Kommission empfahl für diejenigen Amnestie, die eingestehen, zu Zeiten der Apartheid etwas Falsches getan zu haben. Das war sehr wichtig für Südafrika. Viele ehemalige Apartheidbefürworter bekannten sich zu ihren Verbrechen, und zwar ohne Zwang. Viele Menschen sahen das natürlich skeptisch. Unsere Absicht war allerdings immer, alle Gewalttaten auf einer freiwilligen Basis zu erfahren. Freiwillig deshalb, weil die Wahrheit wie ein Schmetterling ist. Du kannst das Tier einfangen und in eine Sammelmappe kleben. Aber behaupte nicht, dass es sich noch um einen Schmetterling handelt. Denn was tun diese Tiere? Flattern und sich bewegen.

Wie sehen Sie heute die Entwicklung Südafrikas, rund 20 Jahre nach den ersten freien Wahlen?

Verglichen mit dem, wo wir waren, haben wir es mit einem ganz anderen Staat zu tun. Wir haben freie Wahlen, der Präsident muss nach zwei Amtsperioden abtreten, Menschen können ihre Meinung frei äußern und müssen nicht Angst haben, eingesperrt zu werden.

Die Arbeitslosenquote in Südafrika liegt bei 25 Prozent. In der schwarzen Bevölkerung ist sie sogar noch höher. Und auch von Armut sind hauptsächlich Schwarze betroffen.

Zugegeben, wir haben noch immer Missstände im Land. Armut, Rassenhass, Infrastruktur. Nun ist es die Aufgabe der jungen Generation auf Basis der Freiheit, die wir erkämpft haben, den nächsten Wandel zu ermöglichen.

Das bedeutet, der Kampf geht weiter?

Der Kampf um Menschenrechte endet niemals. Mit der Abschaffung der Apartheid und dem Inkrafttreten einer neuen Verfassung haben wir ein Problem gelöst. Ich betone das deshalb, um den Vorwurf, nichts habe sich seit 1994 geändert, zu entkräften. Es ist viel passiert, aber vieles im Land billige ich gar nicht.

Wie die Korruptionsvorwürfe gegen den ANC?

Der ANC (vor 1994 Freiheitsbewegung, nun Regierungspartei) ähnelt heute sehr dem Indian National Congress und der mexikanischen Partido Revolucionario Institucional (dt. Partei der Institutionalisierten Revolution). Zwei Parteien, die in der Bevölkerung ein hohes Ansehen genossen haben. Doch dann wollten sie immer mehr und wurden korrupt. Sie verloren das Vertrauen ihrer Anhänger. Der ANC sollte die Entwicklung dieser zwei Parteien genau studieren. Oder sagen wir es so: Wenn ich Mitglied des ANC wäre, würde ich ganz genau aufpassen, wie ich meine künftigen Schritte setze.

Der Freiheitskämpfer Sachs war für einen Tag in Wien.

Identifizieren Sie sich noch mit dem ANC?

Meine gesamte Loyalität gehört der Verfassung Südafrikas. Und das wird immer so bleiben.

Eine abschließende Frage: Haben Sie ihren neunjährigen Sohn alles aus Ihrer Vergangenheit erzählt?

Nein, nicht alles. Aber ich habe ihn zum Ort gebracht, wo die Autobombe explodiert ist. Ich wollte, dass er versteht, warum sein Papa einen langen und einen kurzen Arm hat. Also erzählte ich ihm, was damals passierte und wie der Doktor mein Leben gerettet hat. Aber warum mich jemand töten wollte, habe ich verschwiegen.

Warum?

Weil er in einer neuen Welt aufwächst und seinen eigenen Weg finden wird. Ich weiß aber, dass mein Sohn in der Schule erfahren hat, dass ich für die Freiheit in Südafrika gekämpft habe. Das hat mich sehr bewegt. Nicht, weil mein Sohn denken soll, sein Daddy ist ein guter Mensch. Sondern weil der Kampf für Freiheit und Frieden eine gute Sache ist.

Kamerad und Anwalt Albie Sachs

Albert Louis "Albie" Sachs wurde am 30. Januar 1935 in Johannesburg, Südafrika, geboren. Sein Vater, Emil Solomon Sachs, und seine Mutter, Ray Ginsberg, sind während der russischen Besatzung Litauens nach Südafrika ausgewandert. Dort traten sie der kommunistischen Jugendbewegung bei. Wegen seiner Beziehung zu einer südafrikanischen Freiheitsbewegung stand Emil Sachs des Öfteren im Visier der Regierung.

Menschenrechtsaktivist

Mit 17 Jahren beteiligte sich Albie Sachs an einer Kampagne gegen Apartheid und wurde verhaftet. Der Grund: Er nahm als Weißer in einer Postfiliale im Bereich für Nicht-Weiße Platz. Wegen seines Alters wurde er jedoch wieder freigelassen.

Sachs schloss sein Jura-Studium mit 21 Jahren an der University of Cape Town ab und arbeitete als Anwalt in Südafrika. Weil die Regierung die Freiheitsrechte der nicht-weißen Bevölkerung systematisch eliminierte, spezialisierte sich Sachs auf Menschenrechte und verteidigte hauptsächlich schwarze Südafrikaner und Südafrikanerinnen. Auf viele Klienten wartete die Todesstrafe.

Mit dem südafrikanischen Bischof Desmond Tutu erhielt Sachs 2010 die Lincoln Medaille für Menschenrechte.

Außerhalb des Gerichtssaals wurde er ständig überwacht, auch sein Büro wurde öfters durchsucht. Als der ANC verboten wurde und aus dem Untergrund agierte, führte Sachs seinen Kampf gegen die rassistische Unterdrückung im Gerichtssaal fort. 1963 wurde er wegen seiner Solidarität zur nicht-weißen Bevölkerung zweimal verhaftet. Nach seiner Freilassung durfte er nicht in der Öffentlichkeit sprechen, an Meetings teilnehmen oder publizieren.

Flucht ins Exil

Nachdem der Anwalt ein weiteres Mal verhaftet worden war, stellte Sachs einen Antrag, um Südafrika verlassen zu dürfen. Unter der Bedingung, dass er niemals nach Südafrika zurückkommen darf, wurde dieser genehmigt. 1966 ging er ins Exil nach London. Nach elf Jahren in England kehrte er trotz des Verbots nach Afrika zurück. Als Mitglied des ANC arbeitete er eng mit dem damaligen Präsidenten der Freiheitsbewegung, Oliver Tambo, zusammen.

In Mosambik überlebte er 1988 ein auf ihn gerichtetes Bombenattentat. Dabei verlor er seinen rechten Arm und erblindete auf dem linken Auge. Nach seiner Regeneration kehrte er 1990 in sein Heimatland zurück. 1994 wurde Sachs vom gewählten Präsidenten Nelson Mandela zu einem der elf Richter am Verfassungsgerichtshof bestellt. Mit seiner Mithilfe wurde unter anderem die Todesstrafe in Südafrika abgeschafft und die Homosexualität legalisiert. Sachs verfasste 2005 die Urteilsbegründung, die gleichgeschlechtliche Ehen in Südafrika möglich machte.

Privatleben

Nach 15 Jahren am Verfassungsgerichtshof trat Albie Sachs seinen Ruhestand an. Er wurde mit unzähligen Menschenrechts- und Wissenschaftspreisen (darunter der Tang Prize) geehrt. Sachs hat drei Kinder (zwei aus erster und eines aus zweiter Ehe) und ist mit der Architektin Vanessa September verheiratet.

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