Der übersehene Krieg: Warum kämpfen Afghanistan und Pakistan?

Seit Monaten sind die zwei asiatischen Nachbarstaaten im offenen Krieg, der immer mehr zivile Opfer fordert. Am Mittwoch verkündete Pakistan eine sechstägige Feuerpause - doch solche hielten schon zuvor nicht.
TOPSHOT-AFGHANISTAN-PAKISTAN-CONFLICT

Wie an jedem Abend so kurz vor dem Ende des Ramadan haben sich auch am Montag Patienten und Pfleger vor der Entzugsklinik zum Gebet versammelt, als plötzlich Bomben einschlagen. Minuten später ist das Gelände ein Trümmerfeld. Auf Fotos internationaler Agenturen ist zu sehen, wie Hilfsarbeiter des Roten Halbmonds noch am Mittwoch Dutzende Leichen aus dem Schutt bergen.

Afghanistan accuses Pakistan of a strike on a Kabul rehab center

Hilfsarbeiter des afhanischen Roten Halbmonds in den Ruinen der Entzugsklinik bei Kabul.

Wie viele Menschen bei dem Luftangriff in der afghanischen Hauptstadt Kabul ihr Leben verloren haben, lässt sich nicht verlässlich bestätigen. Die Taliban-Regierung spricht von mindestens 400 Toten, das örtliche Büro der Vereinten Nationen von 140 Toten und 120 Verletzten. 

Sicher ist: Der Angriff markiert den bisherigen Höhepunkt in einem brandgefährlichen Krieg zwischen den Nachbarn Afghanistan und Pakistan, der seit Monaten im Schatten anderer internationaler Konflikte stattfindet.

Einst duldete Pakistan die Taliban im eigenen Land

Dabei war Pakistan eigentlich lange so etwas wie die heimliche Schutzmacht der Taliban. Die Atommacht pflegte gute Beziehungen zu den USA und hatte die westlichen Soldaten, die Afghanistan zwanzig Jahre lang besetzt hielten, offiziell begrüßt – und duldete gleichzeitig, dass sich ranghohe Taliban jahrelang in Pakistan versteckt hielten.

Die Logik dahinter: Sollten die Islamisten irgendwann nach einem möglichen US-Abzug wieder die Macht in Afghanistan übernehmen, stünde man einander endlich freundlich gegenüber, könnte historische Grenzstreitigkeiten beenden und Pakistan hätte einen möglichen regionalen Partner in seinem schwelenden Dauerkonflikt mit Indien. Doch seit die Taliban ihr Land 2021 zurückeroberten und US-Truppen überstürzt abzogen, kam alles ganz anders.

Warum im Oktober Kämpfe mit Afghanistan entbrannten

Statt eng mit der Regierung in Islamabad zusammenzuarbeiten, begannen die Taliban damit, ihre pakistanische Schwesterorganisation zu stärken, die sogenannten Tehreek-e-Taliban Pakistan (TTP). Anschläge dieser Miliz nahmen massiv zu – und Pakistan warf der neuen afghanischen Regierung vor, TTP-Terroristen auszubilden, auszurüsten und Unterschlupf zu gewähren. Die Taliban bestreiten das.

FILE PHOTO: Friendship Gate, following the exchanges of fire between Pakistan and Afghanistan forces, in Chaman

Das "Tor der Freundschaft" an der Grenze zwischen Pakistan und Afghanistan ist heute Schauplatz des Krieges. Hier ist ein pakistanischer Soldat zu sehen.

Pakistans Militär, das in außen- und sicherheitspolitischen Fragen alleine entscheidet und mehr als 600.000 aktive Soldaten befehligt, schlug immer härter zurück. Im vergangenen Oktober eskalierte der Konflikt, als Pakistan erstmals Luftangriffe auf vermeintliche TTP-Stellungen in afghanischem Gebiet flog. Die Taliban reagierten mit Artilleriefeuer. Die rund 2.600 Kilometer lange Grenze wurde plötzlich zur Frontlinie.

KURIER Grafik/Breineder

Bemerkenswert ist, dass bisher jegliche Vermittlungsversuche gescheitert sind. Nach tagelangen Gefechten einigten sich beide Seiten zwar auf einen Waffenstillstand – doch er hielt gerade einmal neun Tage. Seither kam es zu Gesprächen in Katar, Saudi-Arabien und der Türkei. Auch China – das an Afghanistan und Pakistan grenzt – hat einen Sondergesandten für diesen Konflikt benannt. Selbst ein Brief des Machthabers Xi Jinping erwirkte nur eine Atempause.

Im Februar brach der "offene Krieg" aus

Keine Seite ist dazu bereit, zurückzustecken: Pakistan fürchtet eine Machtübernahme extremistischer Strömungen im eigenen Land, die junge Taliban-Regierung muss wiederum ihrem Volk beweisen, dass sie die Souveränität Afghanistans verteidigen kann. Einige Militäranalysten vermuten jedoch, dass die Taliban gar nicht in der Lage wären, zu verhindern, dass die TTP-Milizen sich auf afghanischer Seite der Grenze verschanzen.

Ende Februar sprach Pakistans Verteidigungsminister Khawaja Muhammad Asif von einem „offenen Krieg“. Seither greift das Militär auch Großstädte im afghanischen Inland aus der Luft an, darunter Kandahar und die Hauptstadt Kabul.

FILE PHOTO: Pakistan Day military parade in Islamabad

Pakistan ist zwar ein armes Land, aber gleichzeitig eine hochgerüstete Atommacht - und den Taliban militärisch überlegen.

Pakistan kündigt eine erneute Feuerpause an - ob sie hält?

Nun versucht Pakistan zumindest kurzfristig gegenzusteuern: Am Mittwoch kündigte das Militär eine sechstägige Feuerpause anlässlich des muslimischen Zuckerfests an. Ob sie hält, ist jedoch offen. Ähnliche Vereinbarungen sind in den vergangenen Monaten mehrfach binnen weniger Tage gescheitert.

Wie erfolgreich das pakistanische Vorgehen, lässt sich kaum überprüfen. Die Angaben zu Todeszahlen, erfolgreichen oder abgewehrten Angriffen unterscheiden sich auf beiden Seiten enorm. So auch am Montag, als die Entzugsklinik in Kabul zum Ziel wurde.

Afghanistan verurteilt den Angriff als Kriegsverbrechen. Pakistan behauptet, das Gebäude auf dem Gelände der ehemaligen US-Basis Camp Phoenix sei in Wahrheit von den Taliban militärisch genutzt worden.

Wahrscheinlich ist beides wahr – die Taliban nutzen häufig Zivilisten als „Schutzschild“. Mit seinem rigorosen Vorgehen läuft Pakistan jedoch Gefahr, jene Kräfte zu stärken, die es zu bekämpfen versucht.

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