Politik | Ausland
26.06.2016

Äthiopien: Der Hunger trägt heuer grün

Auch wenn auf den Äckern des bitterarmen ostafrikanischen Landes die nächste Ernte heranwächst – in den nächsten Wochen droht unzähligen Menschen nach der Dürre des Vorjahres der Hungertod.

"Ein Getreidebrei, ganz dick. Mit allem, was man dazu braucht, viel Öl, Butter und Milch." So stellt sich Fatima die Mahlzeit ihrer Träume vor. "Davon würde ich allen meinen Kleinen zu essen geben, damit sie einmal satt sind", sagt die hagere Großmutter von acht Enkelkindern. Doch hier im Hochland, im Osten Äthiopiens, wo es schon seit mehr als zwei Jahren nicht mehr geregnet hat, sind die Vorratstöpfe nicht nur in Fatimas Strohzelt leer. Ein bisschen Reis, ein wenig Sauerteigbrot, und das höchstens zwei Mal pro Tag – mehr ist für die elfköpfige Familie nicht drinnen. Behutsam streicht Fatima einem ihrer Enkel über den Schopf mit roten Haaren – untrügliches Zeichen für schwarzafrikanische Kinder mit schwerer Mangelernährung.

Ohne Hilfe wären die Geschwister schon verhungert. Zumindest einmal in der Woche darf die Familie hoffen: Medizin, Nahrungsergänzungsmittel und therapeutische Zusatznahrung erhalten Kinder unter fünf Jahren an einem von der Caritas unterstützten Gesundheitsposten im Dorf Kurfasawa. Geduldig harren hier Dutzende Mütter mit ihren Kleinkindern unter der sengenden Sonne aus. Die Kinder werden registriert, gemessen, gewogen: Zweijährige Buben, die kaum mehr als sieben Kilogramm wiegen – so viel, wie sonst sechs Monate alte Babys. Fünfjährige Kinder, deren linker Oberarmumfang weniger als elf Zentimeter beträgt – lebensbedrohlich.

Fast 500.000 Kinder in Äthiopien sind betroffen. Mit unabsehbaren Folgen, denn "ein Kind unter fünf Jahren, das Hunger leidet, erleidet Folgen für sein ganzes Leben", sagt Christoph Schweifer, Generalsekretär für Internationale Programme bei der Caritas Österreich. Mangelernährung bei Kleinkindern hinterlässt bleibende Entwicklungsschäden.

El Ninos Folgen

Im Vorjahr blieb in weiten Teilen Äthiopiens der Regen aus, Klimaphänomen El Nino ist dafür verantwortlich. Die schwerste Dürre seit mehr als 30 Jahren ließ die Ernte von Millionen Bauern vertrocknen, Vieh verdurstete.In Äthiopien, einem der ärmsten Länder der Welt, wo vier Fünftel der Bevölkerung noch Bauern sind und nur von dem leben, was sie anbauen, bedeutet ein Jahr ohne Regen mehr als nur eine verlorene Ernte – sondern den drohenden Hungertod.

Was noch an Saatgut vorhanden war, wurde gegessen. Jetzt sind alle Vorräte verbraucht, alle Ressourcen weg. Die nächste Ernte aber beginnt frühestens in drei Monaten. Die Hungerkrise steuert deshalb in den kommenden Wochen auf ihren Höhepunkt zu.

Im zentraläthiopischen Bezirk Meki, drei Autostunden südlich der Hauptstadt Addis Abeba, steht indessen Zeituna inmitten eines üppigen Maisfeldes. Jeden Tag nach der Schule kommt die 14-Jährige zum halben Hektar großen Feld ihrer Eltern, jätet, zupft das Unkraut und hofft: "Heuer muss die Ernte einfach gelingen, dann können wir vielleicht sogar ein etwas davon verkaufen."

Saatgut-Hilfe

Dass die Familie überhaupt aussäen konnte, verdankt sie einem Nothilfeprogramm der Caritas, das auch die Austrian Development Cooperation (ADA) mitfinanziert. 12,5 Kilogramm Saatgut haben Zeitunas Eltern erhalten. Vor sechs Wochen wurde gesät. Fast 6000 Familien in der Region Meki wird auf diese Weise geholfen: Saatgut für die Allerärmsten, denen die letzte Ernte wegbrach und die auch kein einziges Samenkorn mehr besaßen.

Einen halben Meter stehen die Pflanzen nun bereits hoch. Überall, wo man hinblickt, wuchert üppiges Grün, heuer hat es zumindest schon ein paar Mal kräftig geregnet. "Die Menschen stehen jetzt vor der paradoxen Situation, dass es zu grünen beginnt, aber sie nichts zu essen haben", warnt Caritas-Präsident Michael Landau. "Hilfe ist jetzt zentral, damit die Menschen in ihren Heimatorten eine Lebensperspektive haben können."

Ertragssteigerung

Über 70.000 Menschen will die Caritas Austria mit ihrer Nothilfe unterstützen. Und es geht der Hilfsorganisation bei ihren Projekten in Äthiopien auch um mehr: Durch Schulung und Vermittlung von Know how sollen Ernteerträge gesteigert, Lagerung und Transport von Gütern verbessert, Kooperationen und Genossenschaftsbildungen angeregt werden. Nicht jeder Regen-und Ernteausfall darf wieder automatisch in eine Katastrophe führen – so wie für die zehnfache Mutter Kadija. Dass alle paar Jahre mal eine Ernte verloren gehe, sei "normal" schildert die schmale Frau leise, aber gefasst. "Aber jetzt kommen die Dürrejahre viel öfter als früher. Und wenn der Regen kommt, ist er viel heftiger, so stark, dass die ganze Saat wieder weggeschwemmt wird." Früher, sagt sie, während sie ihr leuchtend rosafarbenen Tuch über ihren Haaren zurechtrückt, früher sei sie in den Wald gegangen und habe Feuerholz geschnitten, um Geld zu verdienen. Jetzt aber gibt es bereits viel zu wenig Bäume.

Drei neue Ziegen

Kadijas fünf Ziegen sind im Vorjahr verendet. Drei neue hat sie mit Unterstützung der Caritas erworben; ausreichend, um Zicklein zu züchten, und diese wieder zu verkaufen. Denn mit dem, was die Bäuerin derzeit aus dem Verkauf von Mais verdient – im Durchschnitt ein Euro pro Woche – können sie und ihre Kinder nicht überleben.

Insgesamt 18 Millionen Äthiopier, ein Fünftel der Bevölkerung, brauchen Lebensmittelhilfe, um die derzeitige Not zu überstehen. Erst 65 Prozent der dafür notwendigen 1,5 Milliarden Dollar Spenden sind bisher aufgebracht. "Der Einsatz für Afrika ist ein Gebot der Humanität" sagt Landau, "solange Kinder hier verhungern, solange haben wir als Gesellschaft versagt."

Die Dürre trifft Äthiopien in einem Moment, wo man zum wirtschaftlichen Sprung ansetzte. Als eine Art "afrikanischer Tiger" sieht die postkommunistische, autoritäre Regierung ihr Land und verkündete ehrgeizige Ziele: Raus aus der Armut , hinein in die Moderne. Die sich schnell verändernde Skyline Addis Abebas kündet vom Wandel. Wo vor drei Jahren noch Holzhütten standen, wachsen heute Hochhäuser in den Himmel, pflügt sich eine von China betriebene Stadtbahn durch die Metropole. Eine neue Eisenbahnlinie und neue Straßen verheißen den Zeitensprung. Auf den Feldern hingegen ziehen weiter Ochsen die Holzpflüge – als wäre die Zeit vor Hunderten Jahren stehen geblieben.

Fatima, im Osten Äthiopiens, hat all die Neuerungen im Land nicht gesehen. Sie denkt nur ans Überleben ihrer Enkel. "Wenn es regnet, werden wir wieder ein gutes Leben haben", sagt sie. Die Kleinen haben sich um Fatima geschart, lauschen still, was sie mit unumstößlicher Bestimmtheit sagt: "Aber was immer kommt, wir werden hier bleiben."

Für 35 Euro erhält eine Bauernfamilie in Äthiopien genügend Saatgut für die nächste Ernte. Spenden erbeten an:

PSK. IBAN: AT92 6000 0000 0770 0004

BIC: OPSKATWW

Kennwort: Hungerhilfe

www.caritas.at/hunger