Politik | Ausland 22.03.2018

Ägyptens Angst um die Lebensader Nil

© Bild: REUTERS/AMR ABDALLAH DALSH

Äthiopien stellt seinen gigantischen Staudamm heuer fertig. Kairo bangt um Wasser für 100 Millionen Ägypter

Lebensader Ägyptens“ ist einer der bekanntesten Beinamen des Nils. 96 Prozent des Landes sind Wüste. Nur die Regionen an den Nil-Ufern sowie an den Küsten sind bewohnt. Nahezu die gesamte Wasserversorgung Ägyptens – Trinkwasser und Landwirtschaft – beruht auf dem Nil. Kein Wunder, dass man in Kairo großen Wert darauf legt, wie viel Wasser den Nil hinabfließt.

Denn die Menge könnte sich bald massiv verändern. In den kommenden Monaten soll ein riesiges Staudammprojekt in Äthiopien fertiggestellt werden. Der Grand Ethiopian Renaissance Dam (GERD) oder Wiedergeburts-Damm wird seit 2011 gebaut und ist das Prestigeprojekt Addis Abebas. Es steht als Zeichen der Industrialisierung des Landes, soll die Stromversorgung ganz Äthiopiens sicherstellen und auch darüber hinaus für den Export in die Region ausreichen. Äthiopien gehört trotz des rasanten Wirtschaftswachstums in den vergangenen Jahren einem UN-Index zufolge noch zu den 15 ärmsten Ländern der Welt.

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Es geht um die ökonomische und ökologische Auswirkung auf Ägypten und Sudan

Außenminister Sameh Shoukry

„Präsident Abdel Fattah al-Sisi und Äthiopiens Premier haben 2014 in einer Deklaration klargemacht, dass wir nach Zusammenarbeit streben“, sagt Ägyptens Außenminister Sameh Shoukry gegenüber österreichischen Journalisten in Kairo. Er wirbt um Verständnis für die ägyptische Seite des Streits. „Es geht um die ökonomische und ökologische Auswirkung auf Ägypten und Sudan“, so der Diplomat. Doch genau da liegt im Moment der Streitpunkt.

Denn die Meinungen darüber, wie sehr sich das Staudammprojekt auf die Nachbarländer auswirkt, gehen stark auseinander. Und zunächst konnte man sich nicht einmal auf eine Expertenkommission einigen, die die Auswirkungen berechnen soll. Mittlerweile fand sich eine französische Firma, mit der alle einverstanden sind.

Nun geht es vor allem darum, wie schnell der Stausee vor dem Damm gefüllt werden soll. Er fasst rund 74 Milliarden Kubikmeter Wasser, also knapp jene Wassermenge, die jährlich den Nil hinab fließt. Äthiopien besteht darauf, den See innerhalb von drei Jahren anzufüllen. Geht es nach Ägypten, soll er nur in den Monaten der Regenzeit angefüllt werden.

Annäherung und Bremse

Beim letzten Treffen der drei Staatsoberhäupter in Addis Abeba im Jänner schien man Fortschritte zu machen. Präsident Sisi, Sudans Präsident Omar Al-Bashir und Äthiopiens Premier Hailemariam Desalegn näherten sich an und beschlossen ein Treffen Ende Februar.

Doch dieses sollte nie stattfinden. Während in Ägypten der Wahlkampf begonnen hat, eskalierten im Sudan die Proteste wegen der Kürzungen der Subventionen auf den Brotpreis. In Äthiopien musste der Premier Mitte Februar wegen immer lauter werdender Anti-Regierungs-Proteste zurücktreten. Es herrscht der Ausnahmezustand, die Regierungskoalition droht zu zerbrechen. Ein trilaterales Treffen ist in weite Ferne gerückt.

Wieder mehr Druck

Dabei wäre eine Einigung für Ägyptens Präsident Sisi immens wichtig. Nächste Woche wird gewählt. Zwar gibt es keinen ernstzunehmenden Gegenkandidaten, doch die Wahlbeteiligung ist ein Stimmungsbarometer. Er braucht den Rückhalt der Bevölkerung für Reformvorhaben, denn das Land erholt sich nur langsam von einer Wirtschaftskrise. Die Bevölkerungszahl hat 100 Millionen erreicht – und ist zu 90 Prozent vom Nil abhängig. Ägypten hat zwar in den letzten Jahren Entsalzungsanlagen gebaut und will das Grundwasser besser nutzen. Doch wurde die Wasserwirtschaft zu lange vernachlässigt.

Kairo erhöht Druck wieder

Ägypten hat den Nilwasserkonflikt bis vor zehn Jahren dominiert. Doch jetzt, da der Damm beinahe fertig ist, sitzt Addis Abeba am längeren Hebel. Der geschasste ägyptische Präsident Mohammed Mursi hatte Äthiopien noch indirekt mit Krieg gedroht. Mit der Machtübernahme von Sisi 2013 hat sich Ägyptens Kurs von Konfrontation in Richtung Kooperation verlagert. Sisi versucht, aus dem Streit die – über Jahre aufgestaute – Emotionalität herauszunehmen und möglichst rational zu argumentieren. Nach dem Rücktritt des äthiopischen Premiers hat Kairo den Druck wieder erhöht.

Es gebe aber durchaus Kooperationsfelder mit Äthiopien – nicht nur wirtschaftlich, sondern vor allem auch in Sachen regionale Sicherheit.

( kurier.at , kks ) Erstellt am 22.03.2018