Politik | Ausland
23.11.2017

Abtrünnige gegen Abtrünnige in der Ostukraine

In der pro-russischen Volksrepublik Lugansk läuft etwas, das wie ein Putsch aussieht – wer genau dahinter steht, ist schleierhaft

Nach einer Eskalation hatte es eher ausgesehen, beobachtet man die Berichte der OSZE. Einer Eskalation zwischen ukrainischen Kräften und den pro-russischen Milizen in der Ostukraine. Seit zwei Tagen aber sind die Zwischenfälle an der Kontaktlinie zwischen den verfeindeten Kräften massiv zurückgegangen. Dafür hat sich völlig unvermittelt eine neue Front aufgetan – und das ausgerechnet zwischen den selbsterklärten abtrünnigen Republiken in der Ostukraine; der Lugansker Volksrepublik (LNR) und der Donezker Volksrepublik (DNR). Die waren einander seit Anbeginn des Krieges in der Ostukraine 2014 in keiner Weise grün, vermieden aber offene Auseinandersetzungen. Jetzt aber sind die Rivalitäten zwischen den beiden Regionen offen zu Tage getreten.

Das Bild das sich da bietet ist eines, das Erinnerungen an die russische Okkupation der Krim wachruft. Am vergangenen Dienstag waren Soldaten ohne Abzeichen in gepanzerten Fahrzeugen und in Militär-LKW ohne Nummernschildern in Lugansk aufgefahren. Einziges Erkennungszeichen: Weiße Armbinden. Die Kämpfer bezogen Positionen in der Stadt, aber vor allem um das Innenministerium der LNR sowie um ein Rundfunkgebäude. Als Kämpfer der LNR ausgewiesene Soldaten wiederum verbarrikadierten sich um das so genannte „Weiße Haus“, dem Sitz von LNR-Chef Igor Plotnitsky. Zugleich berichtete die OSZE-Beobachtermission SMM von großen Ansammlungen von Militärs – ebenfalls mit weißen Armbinden – um Debaltsewe, das zur DNR gehört. Zwischenzeitlich gab es Berichte, Plotnitsky sei nach Russland geflohen. Das wurde später wieder dementiert. Plotnitsky nannte die Vorkommnisse in Lugansk einen „Putsch“.

Auslöser des Chaos war dabei anscheinend eine Personalentscheidung Plotnitskys. Dieser hatte zuletzt seinen „Innenminister“ Igor Kornet entlassen. Der weigerte sich jedoch seinen Posten zu räumen – und wurde anscheinend aktiv. Die Militäraktion in Lugansk nannte er eine Großaktion gegen ukrainische Saboteure. Zugleich wandte sich ein anderer Kommandant einer LNR-Miliz an DNR-Chef Alexander Sacharchenko – mit der glühenden Bitte, doch die Idee von „Neurussland“ wiederzubeleben.

Rivalen

Mit Neurussland – der Name bezieht sich auf die Zeit Katharina II. – ist in diesem Fall die Vereinigung von LNR und DNR gemeint. Ein Unterfangen, das mehrmals in Angriff genommen worden aber angesichts massiver Rivalitäten zwischen den militärischen wie politischen Eliten in den beiden Gebieten bisher unrealisierbar gewesen war. De facto bestanden LNR und DNR zuletzt als rivalisierende Nachbarn, die ihre gemeinsame Grenze penibel kontrollierten und Zölle einhoben. Im Vergleich aber erschien die DNR dabei als eher stabil und berechenbar während die LNR von internen Machtkämpfen, Attentaten und Rivalitäten zwischen Warlords geprägt war. Zahlreiche LNR-Milizführer, die sich dem Kommando Plotnitskys nicht fügen wollten, fuhren etwa auf Minen auf oder gerieten in Hinterhalte – Attentate, die dann ukrainischen Saboteuren zugeschrieben wurden. Unabhängige russische Medien sahen aber viel eher Plotnitsky hinter den Taten.

Plotnitsky selbst gilt als ausgesprochen paranoider Choleriker mit verworrenen Ansichten. So nannte er die Revolution auf dem Maidan in Kiew eine jüdische Verschwörung. Die Ukraine bezeichnete er als faschistischen Staat neuer Art. Eine jüdische Verschwörung sei auch die EU. Als Beleg dafür zog er einmal die Gemeinschaftswährung Euro heran: Im Russischen wird diese ähnlich wie „Ewrej“ ausgesprochen – was auf Russisch „Jude“ bedeutet.

Auffällig still verhält sich indes Moskau zu den Vorkommnissen in Lugansk. Medienberichte, Moskau stehe hinter den dem aufständischen LNR-Innenminister Kornet, die sich auf einen Kreml-Berater beziehen, wurden zurückgewiesen. Die Vorkommnisse in Lugansk seien eine rein innere Angelegenheit der LNR und niemand aus der LNR habe sich jemals mit der Bitte um Hilfe an Russland gewandt.

Tatsächlich hängen LNR und DNR aber von Russland zur gänze ab. Aus Russland kommen Waffen sowie Militärtechnik und Personal (Freiwillige, beurlaubte russische Soldaten aber zum Teil auch reguläre russische Truppen) aber auch lebensnotwendige Güter. Militärische Hilfe an die beiden Gebiete weist Russland freilich entschieden zurück. Bei dem Krieg in der Ukraine handle es sich rein um einen Bürgerkrieg, so die Darstellung Moskaus.

Aber nicht nur das Szenario in Lugansk, auch Moskaus Sprachregelung zu dem Thema erinnert an die Krim. Auch da hatte Moskau über Wochen von „Selbstverteidigungskräften“ und „Bürgerwehren“ gesprochen und jede Verwicklung zurückgewiesen, während bestens ausgerüstete und organisierte Soldaten ohne Abzeichen die Halbinsel okkupierten. Später hatte Kreml-Chef Putin auch eingestanden, dass es sich um russische Spezialeinheiten gehandelt hatte.