Politik | Ausland
31.07.2015

5 Gründe, warum Flüchtlinge nach Großbritannien wollen

Viele riskieren ihr Leben, um über den Eurotunnel nach England zu kommen. Was treibt sie dazu?

Nach Schätzungen warten derzeit etwa 3000 bis 5000 Flüchtlinge rund um die französische Stadt Calais darauf, um über den Eurotunnel nach Großbritannien zu gelangen. Der britische Premier David Cameron hat in Folge dessen eine rigorosere Einwanderungspolitik angekündigt. Die Polizei hat in der Nacht zum Freitag rund 200 Flüchtlinge eingekesselt, die versucht haben, über den Eurotunnel nach England zu flüchten.

Die britische Regierung unterstützt in der Flüchtlingskrise in Calais die französischen Sicherheitskräfte mit zusätzlichen Zäunen und Spürhunden. Zudem werde das Verteidigungsministerium Gelände in Südengland zur Verfügung stellen, um den Rückstau vor dem Tunneleingang aufzulösen, sagte Premierminister David Cameron am Freitag nach einer Sitzung des Sicherheitskabinetts in London. Er wolle noch am Freitag mit dem französischen Präsidenten Francois Hollande über die "inakzeptable" Lage sprechen.

Was sind die Beweggründe der Menschen, die die lebensgefährliche Flucht riskieren?

ASYLKRISE IN FRANKREICH: Frankreichs Asylsystem wird heftig kritisiert. Bearbeitungszeiten sind lang und es gibt für weniger als die Hälfte der Asylbewerber Platz in Unterkünften. Deshalb sitzen selbst Asylsuchende mit legalen Papieren auf der Straße. Viele stellen dort daher erst gar keinen Asylantrag.

WIRTSCHAFTLICHE LAGE: Die Länder Südeuropas, wo viele Flüchtlinge als erstes ankommen, leiden unter hoher Arbeitslosigkeit. Auch Frankreich meldet immer wieder Höchstwerte. In Großbritannien liegt die Arbeitslosenquote mit 5,4 Prozent nur gut halb so hoch wie auf der anderen Seite des Ärmelkanals. Migranten hoffen, dort leichter Arbeit zu finden. Da es kein Meldegesetz gibt, hoffen viele auch, leichter als anderswo untertauchen und schwarz arbeiten zu können.

ASYLBEDINGUNGEN IN GROSSBRITANNIEN: Im Vereinigten Königreich wurden im vergangenen Jahr 41 Prozent aller Asylanträge genehmigt, ein deutlich höherer Anteil als in Deutschland und Frankreich. Die Bearbeitungszeiten sind kürzer. Allerdings schafften es auch viel weniger Asylsuchende ins Land. Hilfsorganisationen wie das Rote Kreuz betonen, das britische Asylgesetz sei ebenso streng wie anderswo.

SPRACHBARRIERE UND COMMUNITY: Vielen Flüchtlingen fällt es leichter, Englisch zu sprechen, als etwa Französisch zu lernen. Manche hoffen, dass Freunde, Familie oder Landsleute in Großbritannien ihnen helfen. In Ballungszentren wie London oder Birmingham gibt es bereits große afrikanische und arabische Gemeinschaften.

UNWISSEN: Vielen Migranten kennen die Asylregeln in der EU nicht und wissen nicht, wo sie Unterstützung finden können. Viel läuft über Mund-zu-Mund-Propaganda: Bei zahlreichen Flüchtlingen, mit denen der "Secours Catholique" sprach, waren Empfehlungen anderer Migranten ausschlaggebend für den Wunsch, nach Großbritannien zu gelangen.

Hunderte Flüchtlinge haben nahe der nordfranzösischen Hafenstadt Calais erneut versucht, durch den Eurotunnel nach Großbritannien zu gelangen. In der Nacht auf Freitag seien "mehr als 1.000 Versuche" von Flüchtlingen abgewehrt worden, zum Tunnel vorzudringen, sagte ein Polizist. Rund 30 Flüchtlinge seien abgeführt worden. Ein anderer Polizist sprach sogar von 1.400 Versuchen.

Ein Sprecher der Betreibergesellschaft Eurotunnel konnte keine Flüchtlingszahlen nennen. Es gebe aber "deutlich weniger Störungen", seitdem die Polizeikräfte vor Ort durch die Entsendung von 120 weiteren Beamten verstärkt worden seien. Zur Wochenmitte waren teilweise bis zu 2.300 Fluchtversuche in einer Nacht gezählt worden.

"Es gab Verstärkungen, aber der Migrationsdruck bleibt bestehen", sagte ein Polizist. "Die Situation ist weiterhin schwer in den Griff zu bekommen." Es sei aber weniger Flüchtlingen gelungen, bis zu den Bahnsteigen für Güterzüge vor dem Tunnel vorzudringen. "Es sind deswegen weniger Flüchtlinge auf die Züge gestiegen."

Seit Wochen versuchen immer wieder Hunderte Flüchtlinge nachts zum Eurotunnel vorzudringen, um an Bord von Güterzügen nach Großbritannien zu gelangen. Die Fluchtversuche behindern nicht nur den Verkehr durch den Tunnel, sondern sind auch gefährlich. Seit Anfang Juni starben bereits zehn Flüchtlinge auf der französischen Seite des Ärmelkanals bei Unfällen. Zuletzt wurden die Sicherheitsmaßnahmen verstärkt. In Calais befinden sich den Behörden zufolge derzeit rund 3.000 Flüchtlinge, die meisten von ihnen aus Eritrea, Äthiopien, Afghanistan und dem Sudan.