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Politik Ausland

Frankreich: Bis zu 330.000 Opfer von Missbrauch in Kirche seit 1950

Eine Untersuchungskommission hat einen 2.500 Seiten umfassenden Bericht vorgelegt.

10/05/2021, 11:12 AM

Zwischen 2.900 und 3.200 Priester und Mitarbeiter der katholischen Kirche Frankreichs sollen 216.000 Kinder und Jugendliche seit 1950 sexuell missbraucht haben. Unter Einbeziehung der von der Kirche betriebenen Einrichtungen könne man von bis zu 330.000 Opfern ausgehen, sagte der PrĂ€sident der UnabhĂ€ngigen Missbrauchskommission in der Kirche (CIASE), Jean-Marc SauvĂ©, am Dienstag in Paris. Die Zahlen seien "erschĂŒtternd".

Die Ergebnisse basieren auf Daten aus Archivmaterial von Kirche, Justiz, Staatsanwaltschaft, aus Medienrecherchen sowie auf Zeugenaussagen, die die Sauve-Kommission aus 21 Juristen, Medizinern, Historikern und Theologen auf einer regelrechten Tournee durch das Land gesammelt hat. Rund 26.000 Stunden haben die Mitglieder nach eigenen Angaben seit 2018 ehrenamtlich geleistet, um Tausende Zuschriften zu bearbeiten und GesprĂ€che mit Betroffenen zu fĂŒhren. Der 2.500 Seiten umfassende Bericht ist am Dienstag Ă¶ffentlich an die Bischofskonferenz sowie die Konferenz der Ordensleute ĂŒbergeben worden.

80 Prozent der Opfer seien Buben im Alter zwischen 10 und 13 Jahren gewesen, 20 Prozent MĂ€dchen unterschiedlicher Altersgruppen. Bei den Taten soll es sich in fast einem Drittel der FĂ€lle um Vergewaltigungen gehandelt haben. "Die Zahlen sind erschĂŒtternd und können nicht folgenlos bleiben", sagte der KommissionsprĂ€sident.

Milliarden als EntschÀdigung

Die Politik- und Verwaltungswissenschaftlerin Sylvette Toche (73), GeneralsekretĂ€rin der Kommission, beschreibt in der Zeitung "La Croix" am Montag, wie sehr sie die individuellen Berichte der Opfer in Briefen und Anhörungen persönlich mitgenommen hĂ€tten. "Die nĂŒchternsten waren oft die schrecklichsten", sagt sie.

Der GrĂŒnder des Opferverbandes La Parole LibĂ©rĂ©e (Das befreite Wort, Anm.), François Devaux, mahnte die Kirche bei der Vorstellung des in Frankreich mit Spannung erwarteten Berichts: "Sie mĂŒssen fĂŒr alle diese Verbrechen bezahlen." Dabei werde es um Milliardensumme gehen.

Die Französische Bischofskonferenz wiederum kĂŒndigte nach der Vorstellung der Studie Konsequenzen an. "Angesichts so vieler zerrĂŒtteter, oft zerstörter Leben schĂ€men wir uns und sind entrĂŒstet", sagte der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Erzbischof Éric de Moulins-Beaufort, am Dienstag. Man werde alle erforderlichen Schritte einleiten, damit sich ein solcher Skandal nicht wiederhole. Auf der Sitzung der Kirchengremien im November sollten Maßnahmen getroffen werden.

FĂŒr die katholische Kirche in Frankreich ist der Befund jedenfalls kritisch: Zwar bezeichnet sich noch jeder zweite der etwa 67 Millionen Einwohner als katholisch. Doch selbst kirchliche Medien beziffern die "Praktizierenden" mit nur noch zwei Prozent der Bevölkerung. Um die "Ă€lteste Tochter der Kirche", so ein alter pĂ€pstlicher Ehrentitel Frankreichs, steht es also schlecht.

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