olympia-news
28.07.2017

Rios Traum vom Aufschwung durch Olympia ist geplatzt

Mario Andrada, der Sprecher des Organisationskomitees der Sommerspiele in Rio 2016, ist erstaunlich relaxed nach dem bisher härtesten Jahr seines Lebens. "Wir haben uns entschieden, mit Rio de Janeiro eine Mondmission zu starten", sagte er vor Beginn der Olympischen Spiele 2016. Ein Jahr später gilt es, in einigen Bereichen die Folgen einer Bruchlandung aufzuarbeiten.

Andrada will aber nichts von Ruinen in Rio wissen. "Das Erbe ist ein lebendiges", betonte er, um dann aufzuzählen: Die neue U-Bahn-Linie in den Vorort Barra, die jeden Tag Zehntausenden viel Zeit in Staus erspart, der Olympiapark, das neue elegante Hafenviertel mit dem Museu do Amanha, das sich mit den Herausforderungen wie dem Klimawandel auseinandersetzt und schon über zwei Millionen Besucher hatte.

Aber da ist auch der Absturz. Alles in allem haben die Spiele neben umgerechnet 2,4 Milliarden Euro an Organisationskosten rund 10,8 Milliarden Euro für Stadien und den Ausbau der Infrastruktur verschlungen. Der Bundesstaat Rio steht am Rande des Bankrotts, es muss radikal gespart werden.

Auch im Sicherheitsbereich. Heuer wurden schon mehr als 90 Polizisten erschossen, die Banden wie das Comando Vermelho, das rote Kommando, haben die Macht in den Favelas zurückerobert. Und an der Copacabana werden regelmäßig Touristen überfallen. Die Zahl der Hotelbetten wurde in Rio zwar massiv ausgebaut, aber die Auslastung liegt nach Angaben der Tourismusbehörde derzeit nicht einmal bei 50 Prozent.

Dabei war der erklärte Traum, den Erfolg von Barcelona 1992 zu kopieren - mit großartigen Spielen einen Touristenboom auslösen. Das Gegenteil ist eingetreten. Die Spiele fanden statt, als Brasilien schon am Stock ging, seit 2015 brach die Wirtschaftsleistung um 7,4 Prozent ein. "Die Krise hat es den Bewohnern nicht leicht gemacht, sich so zu begeistern, wie wir es erhofft hatten", sagte Andrada. "Aber wir haben exzellente Spiele abgeliefert und einen Plan für das Erbe vorgelegt." Die Regierung habe den allerdings nicht einmal gelesen.

"Es ist einfach, uns den Schwarzen Peter zu geben", meinte Andrada, dessen Vertrag im September ausläuft. Ein Jahr nach den Spielen übergibt das OK alles wie geplant an die Regierung.

Im riesigen Areal in Barra mit zahlreichen Arenen gibt es Sportveranstaltungen, und auch das größte Rock-Festival Brasiliens, Rock in Rio, wurde dort etabliert. Die Halle Carioca 1 soll in eine Schule auf dem Gelände umgewandelt werden. Die Future Arena, wo die Handballer um Gold kämpften, soll irgendwann einmal demontiert und an anderer Stelle sollen aus dem Material zwei Schulen gebaut werden.

Doch in der olympischen Schwimmarena, in der Michael Phelps seine Bilanz auf 23 olympische Goldmedaillen schraubte, wurde das Becken ausgebaut. Es befindet sich nun in einem neuen Leistungszentrum in der Amazonas-Metropole Manaus. Das legendäre Maracana-Stadion gammelt vor sich hin. Kein einziges Spiel in der WM-Qualifikation konnte Brasilien dort bestreiten. Der Besitzer, der Baukonzern Odebrecht, machte diverse Schäden durch Eröffnungs- und Schlussfeier geltend, die vom Organisationskomitee nicht behoben worden seien.

Der Olympia-Golfplatz, der dritte in Rio, wird pro Tag nur von 30 bis 50 Spielern frequentiert. Ein Baulöwe durfte um das Areal Hochhaus-Appartements errichten. Aber, wie auch der Erbauer des olympischen Dorfes, wurden die großen Immobilienhändler zu Verlierern. Erst ein paar hundert der über 3.000 Wohnungen in den Hochhausblöcken des Olympischen Dorfes sind verkauft, die teuersten kosten für 160 Quadratmeter 1,77 Millionen Reais (480.000 Euro). Es droht, eine Geistersiedlung zu werden.

Mario Andrada, der Abwickler der Spiele, muss irgendwie 132 Millionen Reais (35,7 Mio. Euro) Defizit abbauen. Staat und Stadt würden ihn aber hängen lassen, sagte er. Richtige Gewinner der Spiele gibt es nur wenige. Etwa die erste brasilianische Olympiasiegerin 2016, Judoka Rafaela Silva, die aus der Favela Cidade de Deus kommt und einen kleinen Boom auslöste. Sie ist ein Star.