Bis zu 100.000 Jobs: Was der Kahlschlag bei VW für Österreich bedeutet
Es ist eine Zahl, die bei Volkswagen derzeit noch niemand aussprechen will – aber alle fürchten: 100.000 Arbeitsplätze sollen in den nächsten Jahren im Konzern weltweit wegfallen. Das wäre nicht nur eine Verdoppelung des bisherigen Abbauziels. Es wäre der größte Stellenabbau in der Geschichte des Wolfsburger Autoriesen.
Das Manager Magazin hat zuerst darüber berichtet und beruft sich auf Insider und interne Unterlagen. VW-Chef Oliver Blume soll dem Vorstand bereits seine Pläne für dieses radikale Sanierungskonzept vorgelegt haben. Von den derzeit rund 657.000 Beschäftigten, davon knapp 300.000 in Deutschland, würde damit fast jeder Sechste seinen Job verlieren. Ein zweiter Insider behauptet hingegen, in dem internen Papier stehe bewusst keine eindeutige Zahl.
Fünf Werke betroffen
Mittelfristig könnten vier Standorte komplett geschlossen werden: Die VW-Werke in Hannover, Zwickau und Emden sowie das Audi-Werk in Neckarsulm. Zudem soll auch das VW-Werk in Osnabrück wackeln. Sobald die dort produzierten Modelle auslaufen, sollen die Bänder stillstehen. Für ganze Regionen wäre das ein Schock. In Zwickau hatte VW erst vor wenigen Jahren Millionen in den Umbau zur E-Auto-Fabrik gesteckt. Emden wurde als Hoffnungsträger der Elektromobilität gefeiert. Nun droht ausgerechnet diesen Standorten das Aus.
„Man kann nicht ein halbes Jahr vorher sagen, man streicht 50.000 Jobs, und dann sind es plötzlich 100.000“, kritisiert Auto-Experte Ferdinand Dudenhöffer im Gespräch mit dem KURIER. „Das sieht nach Salami-Taktik aus, aber nicht nach einer Strategie. Was sollen die Mitarbeiter und Kunden denken, wenn alle halben Jahre eine Hiobsbotschaft kommt?“ Dass die Komponentenfertigung an die Börse gebracht werden soll, erzählt VW laut Dudenhöffer bereits seit fünf Jahren. Es würde aber Sinn machen.
Der Konzern-Sprecher schweigt
Ein VW-Sprecher wollte die Zahlen nicht kommentieren. Man äußere sich nicht zu „internen, vertraulichen Unterlagen“. Der Konzernvorstand habe „in den vergangenen Monaten intensiv an einem Zukunftsplan für die Neuaufstellung des Unternehmens gearbeitet“, so der Sprecher.
„Es geht darum, das Unternehmen insgesamt effizienter und schlanker aufzustellen sowie technologische Synergiepotenziale konsequent zu nutzen.“ Am 9. Juli soll der Aufsichtsrat darüber beraten. Dort sitzen auch die Arbeitnehmervertreter – und das Land Niedersachsen, das 20 Prozent der Stimmrechte hält. Betriebsrat und Gewerkschaft haben umgehend Widerstand angekündigt.
Österreichische Zulieferer betroffen
Wenn VW und Audi Werke schließen, betrifft das auch die österreichische Autozulieferindustrie. „Rund 65 Prozent unserer Betriebe beliefern die deutsche Autoindustrie, das ist unser wichtigster Exportmarkt“, sagt Clemens Zinkl von der Arbeitsgemeinschaft Automotive Zulieferindustrie in der Wirtschaftskammer. „Wenn weniger Fahrzeuge gebaut werden und Werke zur Disposition stehen, dann trifft das auch unsere Zulieferbetriebe hart. Dadurch sind auch in Österreich Jobs gefährdet.“ 2024 wurden 5.000 Stellen in der österreichischen Automotive-Branche abgebaut, Zahlen für 2025 liegen noch nicht vor.
China schwächelt
Die Probleme bei Volkswagen und vor allem der Kernmarke VW bestehen bereits seit längerer Zeit. Die Gründe sind vielfältig. Allen voran steht das schwächelnde Geschäft im einstigen großen Wachstumsmarkt China. Zum einen, weil es mehr als hundert lokale Konkurrenten gibt, die ihre Fahrzeuge deutlich günstiger anbieten. Zum anderen gibt es derzeit eine breite Konsumzurückhaltung.
Ein weiterer Grund ist die Elektromobilität. Blumes Vorgänger Herbert Diess hat diese im Konzern massiv forciert, war aber seiner Zeit voraus. Hohe Investitionen mussten abgeschrieben werden. Blume fährt nun einen pragmatischeren Kurs, indem viele Modelle nicht nur für eine Antriebsart produziert werden. Nicht zuletzt wird in Deutschland zu teuer produziert, die Energie- und Personalkosten galoppieren davon. Daher kommt es nicht überraschend, dass die Werke im Heimatland geschlossen werden sollen.
BMW und Mercedes
Die jetzige Hiobsbotschaft ist die jüngste, aber wohl nicht letzte in einer Reihe von schlechten Nachrichten in der deutschen Autoindustrie. Auch die börsenotierte VW-Tochter Porsche, bei der der Gewinn im Vorjahr um 91 Prozent einbrach, sowie die Konkurrenten BMW und Mercedes kämpfen mit ähnlichen Problemen, die sich in Absatz- und Gewinneinbrüchen widerspiegeln, und reagieren mit Jobabbau und Restrukturierungen. Auch die Aktie reagiert entsprechend.
Gestern betrug der Kursverlust knapp vier Prozent, seit Jahresbeginn gerechnet ist es bereits knapp ein Drittel.
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