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06/30/2019

Herbert von Karajan: "Ich komme sicher wieder"

Der berühmteste Dirigent des 20. Jahrhunderts ist vor 30 Jahren gestorben.

Die Musik dominierte sein Leben buchstäblich bis zur allerletzten Stunde. Am Vormittag des 16. Juli 1989 leitete Herbert von Karajan für die Salzburger Festspiele eine Probe zur Verdi-Oper „Ein Maskenball“, danach hatte er in seinem Haus in Anif eine Besprechung mit einem Musikproduzenten, während der er 81-jährig einem Herzinfarkt erlag.

Rekordumsätze

Das ist jetzt 30 Jahre her, und der berühmteste und populärste Dirigent des 20. Jahrhunderts ist noch immer nicht vergessen. Karajan-CD’s und DVD’s, auf denen mehr als 1000 Stunden Musik gespeichert sind, erzielen nach wie vor Rekordumsätze, und ältere Sänger und Musiker in aller Welt schwärmen heute noch von der Arbeit mit ihm.

Und das, obwohl er kein einfacher Patron war. Wo immer Karajan dirigierte, gab’s Reibereien und Zerwürfnisse. Doch das musikalische Ergebnis machte alles wett.

Adelstitel als Bedingung

Geboren als Sohn eines Arztes am 5. April 1908 in Salzburg, studierte er Maschinenbau, war sich aber bald seiner wahren Berufung bewusst und sattelte auf Musikwissenschaften und Dirigie-

ren um. Als er seine ersten Engagements antrat, war in Österreich bereits das Führen von Adelstiteln verboten – worunter auch seine ursprünglich aus Griechenland stammende Familie litt, die 1832 in den österreichischen Kleinadel aufgenommen worden war. Als Karajan bereits berühmt war, weigerte er sich, in Österreich aufzutreten, wenn sein „von“ nicht auf den Plakaten stehen durfte – und setzte sich durch: „von Karajan“ wurde auf Lebenszeit als Künstlername akzeptiert.

In Deutschland gab es derlei Probleme nicht, dort erlaubte man die Verwendung von Adelstiteln auch nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs. Karajan wurde mit 21 Jahren Kapellmeister in Ulm und ging von dort als Deutschlands jüngster Generalmusikdirektor nach Aachen, wo er 1935 – angeblich der Karriere zuliebe – der NSDAP beitrat. Zum zweiten Mal übrigens, weil er bereits zwei Jahre davor in Salzburg illegales Parteimitglied geworden war. Aus Aachen wurde er nach Berlin geholt, wo man bald vom „Wunder Karajan“ sprach.

Staatsoperndirektor

Am Ziel seiner Träume angelangt, wurde er 1955 Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, ab 1957 war er auch künstlerischer Leiter der Wiener Staatsoper, zu deren Weltruhm er maßgeblich beitrug. Gleichzeitig gastierte er an allen großen Opernhäusern der Welt, an der Met in New York, an der Mailänder Scala, in Bayreuth. Und die Salzburger Festspiele waren ein Vierteljahrhundert Karajan-Festspiele. Meist führte er, wenn er dirigierte, selbst Regie, und als Technikfreak sorgte er dafür, dass seine Tonaufnahmen immer dem letzten Stand der Technik entsprachen.

Der bekannteste Karajan-Witz kam der Wahrheit ziemlich nahe: Der Meister steigt am Flughafen Schwechat in ein Taxi und sagt zum Fahrer: „Fahren Sie los!“

„Wohin soll ich fahren?“ fragt der Chauffeur.

„Egal“, antwortet Karajan, „ich werde überall gebraucht“.

So sehr er gebraucht wurde, so lautstark verließ er die Stätten seiner Triumphe: Als Direktor der Wiener Staatsoper bestand er auf einen italienischen Souffleur, konnte sich aber beim Betriebsrat nicht durchsetzen, worauf Karajan 1964 den Hut nahm. Und bei den Berliner Philharmonikern wollte er das Engagement einer Klarinettistin erzwingen, die aber vom Großteil der Musiker abgelehnt wurde. Er beendete daraufhin den auf Lebenszeit abgeschlossenen Vertrag – wenige Monate vor seinem Tod.

Drei Ehefrauen

Nicht unkompliziert war auch sein Privatleben. Seine erste Frau, die Opernsängerin Elmy Holgerloef, verließ er nach nur zwei Jahren Ehe, als er Anita Gütermann 1940 in einem Berliner Restaurant kennenlernte. Anita, die seine zweite Frau werden sollte, galt in der Diktion der Nationalsozialisten als „Vierteljüdin“. Ihr hatte es Karajan zu verdanken, dass er trotz seiner NSDAP-Mitgliedschaft nach dem Krieg nur kurze Zeit mit Auftrittsverbot belegt wurde.

Perfekte Inszenierung

Karajans Dankbarkeit Anita gegenüber hielt sich in Grenzen, denn als er 1958 die 19-jährige Französin Eliette Mouret kennenlernte, ließ er sich von Ehefrau Nr. 2 scheiden, um das Mannequin zu heiraten. Eliette, die heute 80-jährig als Witwe in der Karajan-Villa in Salzburg-Anif lebt, schenkte ihm die Töchter Isabel und Arabel.

Kein anderer Dirigent wusste sich zu inszenieren wie Karajan. Standen seine Kollegen im Frack oder Smoking am Pult, so dirigiere er im legeren Rollkragenpullover, er ließ Homestorys in seinen Villen in Saint Tropez, St. Moritz, Wien und Salzburg zu und hatte nichts dagegen, in seinem Porsche, auf seiner Jacht und im Privatjet fotografiert zu werden. Wobei jedes Bild vor der Veröffentlichung vom Karajan-Management genehmigt werden musste.

Das alles funktionierte, weil Karajan als Geschäftsmann mit eigener Produktionsfirma nicht minder begabt war denn als Musiker. Und so kam es, dass er seiner Familie ein kolportiertes Vermögen von 500 Millionen Euro hinterließ. Noch im hohen Alter hatte er sich, von starken Rückenschmerzen geplagt, noch zum Dirigentenpult geschleppt, um die Hauptwerke des klassischen Repertoires möglichst vollzählig aufnehmen zu können.

„Magier der Musik“

Dass er zum Mythos und der Name Karajan zur weltweit erfolgreichen Marke wurde, lag auch an seiner charismatischen Erscheinung. An Selbstbewusstsein hat es dem „Magier der Musik“ nie gemangelt, was er einmal mit dem Satz untermauerte: „Ich glaube an Wiedergeburt, ich komme sicher wieder.“

Denn dass die Musikwelt eines Tages ohne ihn auskommen müsse – das konnte er sich beim besten Willen nicht vorstellen.