Ein würdiger "Car of the Year"-Finalist: Wie schlägt sich der Kia EV4 im Test?
Es gibt Autos, die große Auftritte haben und andere, die leise bleiben, obwohl sie viel zu erzählen hätten. Der Kia EV4 gehört wohl eher zur zweiten Kategorie. Das neue Modell des koreanischen Herstellers wurde für den Titel "Car of the Year 2026" nominiert, hat ihn am Ende aber doch nicht gewonnen. Kein Pokal, kein Konfetti.
Und doch bleibt bei der futuristischen Optik und nach den ersten Kilometern das Gefühl: Dieser Stromer ist mehr als nur ein weiterer Kandidat auf der langen Liste kompakter Elektroautos am heutigen Markt. Vielleicht sogar einer der spannendsten – gerade weil er nicht um jeden Preis glänzen will. Denn während andere mit SUV-Format, martialischer Optik oder Leistungswerten jenseits der Norm protzen, setzt der EV4 auf etwas, das im Elektroalltag immer wichtiger wird: Reichweite, viel Reichweite. Und ein Konzept, das sich bewusst von der hochbeinigen (SUV-) Masse absetzt.
Gegen den SUV-Strom
Schon im Stand wirkt der EV4 wie ein Auto, das eine andere Abzweigung genommen hat. Keine aufrechte Sitzposition, keine überhöhte Karosserie, kein offroad-artiger Auftritt. Stattdessen eine flache, fast gestreckte Silhouette, schmale Leuchten, klare Kanten. Die Front wirkt futuristisch, glattflächig und reduziert – fast so, als hätte man ein Konzeptfahrzeug gezähmt und in Serie geschickt.
Ungewöhnlich ist das allemal – und gerade deshalb bleibt der EV4 im Straßenbild hängen. Der selbstbewusste Radstand von 2,82 Metern trägt ebenfalls einiges dazu bei. Das sorgt nicht nur für optische Ruhe, sondern auch für Platz im Innenraum. Besonders im Fond macht sich die lange Plattform positiv bemerkbar. Kia nutzt hier wie beim kleineren EV3 die 400-Volt-Architektur der konzernweiten "Electric Global Modular-Plattform", die auf Effizienz statt Effekthascherei ausgelegt ist.
Typisch Kia: Das Cockpit ist schnörkellos, unkompliziert und übersichtlich.
Fahren ohne Drama
Drückt man das Pedal, bestätigt sich dieser Eindruck. Der 204 PS starke Elektromotor schiebt den EV4 zügig, aber ohne Übertreibung an. Rund 7,5 Sekunden auf 100 km/h, maximal 170 km/h Spitze, das ist flott genug für den Alltag. Der EV4 fährt souverän, leise, unaufgeregt. Im Stadtverkehr gleitet er geschmeidig, auf der Landstraße bleibt er stabil und berechenbar. Keine nervöse Lenkung, kein überhart abgestimmtes Fahrwerk. Wer hier sportliche Eskapaden sucht, liegt falsch – wer entspannt ankommen will, richtig.
Das gefällt
Fast konkurrenzlose Reichweite in seinem Segment, modernes Interieur, futuristische Optik, geräumiger Innenraum.
Das gefällt nicht
Hoher Preis, GT-Version könnte sportlicher sein.
Daten
Elektromotor mit 150 kW/204 PS, Frontantrieb, Verbrauch: 14,6-15,8 kWh / 100 km, Länge: 4.450 mm, Kofferraum: 435-1.391 Liter.
Reichweiten-Joker
Das echte Aushängeschild dieses Autos zeigt sich spätestens beim Blick auf die Reichweite. Kia bietet zwei Akkugrößen an: 58,3 kWh für bis zu 440 Kilometer oder 81,4 kWh für 584 Kilometer, womit der EV4 zu den Reichweitenkönigen im kompakten Segment gehört. Geladen wird mit bis zu 128 kW an DC-Schnellladern. Das ist kein Rekordwert, aber praxisgerecht. Der Sprung von 10 auf 80 Prozent dauert rund 30 Minuten. Auch hier bleibt der EV4 seiner Linie treu: solide statt spektakulär.
Innen setzt sich das entspannte Konzept fort. Der EV4 verzichtet auf Designexperimente und liefert stattdessen ein aufgeräumtes, geradliniges und funktionales Cockpit: Große, gut ablesbare Displays, klare Menüstrukturen. Die Materialien wirken ordentlich verarbeitet, die Sitze, die in der getesteten GT-Version ein geripptes Muster haben, bieten auf längeren Strecken guten Halt. Besonders positiv fällt der Fond auf: Hier gibt es viel Platz und Beinfreiheit, ohne dass man sich verbiegen muss – selbst für Erwachsene.
Auch das Heck des EV4 sorgt für neugierige Blicke im Straßenverkehr.
Es geht auch ohne Pokal
Der Kia EV4 mag den Titel "Car of the Year 2026" zwar nicht gewonnen haben, im Test überzeugt er dafür aber auf (fast) ganzer Linie. Das Modell ordnet sich nämlich genau dort ein, wo viele Käufer tatsächlich suchen: zwischen Alltagstauglichkeit, Komfort und Reichweite, ohne sich auf eine Disziplin festzulegen.
Diese vielseitige Positionierung spiegelt sich auch in der Preisstruktur wider: Während die Basisversion bei 39.590 Euro startet, liegt das getestete GT-Line-Modell schon bei stolzen 56.640 Euro und markiert das obere Ende der Modellpalette des Modells.
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