© Getty Images/iStockphoto/busracavus/iStockphoto

Leitartikel
01/14/2021

Wer will beim Impfen schon Versuchskaninchen sein?

Das Pflegepersonal erlebt die Corona-Impfung nicht als Privileg, sondern als Zwang. Man sollte die Betroffenen ernst nehmen.

von Christoph Schwarz

Dass der Standort nur allzu oft den Standpunkt bestimmt, ist eine wohlbekannte Weisheit. Inmitten der Pandemie erfährt sie ungeahnte Brisanz – ausgerechnet an jenen Orten, die im Kampf gegen das Virus im Fokus stehen: in Alten- und Pflegeheimen.

Während viele Österreicher die Lieferung weiterer Impfdosen herbeisehnen und sich lieber heute als morgen immunisieren lassen würden, ist die Skepsis in einer Gruppe, die im Impfplan an vorderster Stelle steht, besonders groß. Nur die Hälfte des Pflegepersonals ist dem Vernehmen nach bereit, sich gegen Corona impfen zu lassen. Was die einen als Privileg wahrnehmen, ist für andere ein intolerabler Zwang.

Die Folgen der Verweigerungshaltung können gravierend sein. Sie führt zur skurrilen Situation, dass jene, die in besonders engem Kontakt mit der sogenannten vulnerablen, also verletzlichen Gruppe stehen, eine potenzielle Gefahr bleiben. Was passiert, wenn Pfleger das Virus ins Heim tragen, hat sich kürzlich gezeigt. Im Fall der Bewohner eines Wiener Pflegeheims, die sich wohl mit der britischen Mutation infizierten, dürfte der Überträger kein Besucher gewesen sein – sondern ein Mitarbeiter. Auch der Vorbildwirkung, die dem Gesundheitsbereich (unfreiwillig?) zukommt, werden die Pfleger derzeit nicht gerecht. Ihre Skepsis ist Wasser auf die Mühlen von Impfgegnern und Verschwörungstheoretikern. Ja, wenn denn nicht einmal die Profis dem Impfstoff trauen …

Rasch wird da der Ruf nach einer Impfpflicht laut: Nur wer sich spritzen hat lassen, soll (weiter) im Medizin- und Pflegebereich tätig sein dürfen. Die Forderung klingt logisch. Vor allem aber ist sie bequem. Zwänge lassen sich bekanntermaßen am leichtesten dann aussprechen, wenn sie die anderen betreffen. Lohnender wäre es, die Betroffenen ernst zu nehmen. Verdient haben sie es sich. Das Pflegepersonal leistet in der Krise – und ja: auch davor – harte Arbeit. Unter schwierigen Bedingungen, mit Masken, bei geringer Entlohnung. (Die Lage ausländischer Pflegerinnen in der Heimpflege ist noch prekärer. Wann und in welchem Land sie geimpft werden? Unklar.) Die Öffentlichkeit galt den Einsatz einst mit eifrigem Klatschen ab. Das ist keine Wertschätzung, eher ein Hohn.

Wenn das Pflegepersonal sich als Versuchskaninchen fühlt, zeigt das: In der Kommunikation der Impfstrategie ist gravierend etwas schiefgelaufen. Zu viele Fragen sind offen. (Eine für die Pflege zentrale: Können Geimpfte das Virus übertragen?) Der Verdacht, dass andere Bevölkerungsgruppen ähnliche Zweifel hegen, wenn sie an der Reihe sind, erhärtet sich jedenfalls. Angesichts konstant hoher Infektionszahlen kann sich das Land das nicht leisten. Ausräumen kann man die Sorgen weder mit Zwang, noch mit PR. Sondern nur mit dem Bemühen um ehrliche Information. Diese wird von der Politik kommen müssen – denn auf Social Media gibt es sie garantiert nicht.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.