Martina Salomon

KURIER-Chefredakteurin Martina Salomon

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Leitartikel
09/10/2021

Wenig Work-, viel Life-Balance

Die Pandemie hat den Trend zur Freizeitorientierung verstärkt. Wie kriegt man Junge und Ältere wieder in reguläre Jobs?

von Martina Salomon

Gibt es außer Corona noch andere, vielleicht wichtigere Themen? Ja, zum Beispiel den Fachkräftemangel. Er führt zu Lieferengpässen, Schwierigkeiten bei der Alten-/Kranken-/Kinder-Betreuung bis hin zu Baustellenverzögerungen. Und er erzeugt (Selbst-)Ausbeutung, weil immer mehr Beschäftigte fast buchstäblich für zwei arbeiten müssen.

Das betrifft auch viele kleine Selbstständige, die die mühsame Suche nach neuen Kräften und die hohen „Work-Life-Balance“-Ansprüche mancher Mitarbeiter so leid sind, dass sie weniger Aufträge annehmen, nur noch allein im Geschäft stehen oder zusperren, obwohl der Bedarf da wäre. Beim Argument, dass man halt höhere Löhne zahlen soll, wird oft vergessen, dass sich ein Arbeitgeber einen Arbeitnehmer „leisten“ können muss samt (zu hohen) Steuern und Abgaben. Steigende Löhne bedeuten Inflation, also höhere Preise beim Friseur und im Gasthaus, die Baupreise sind ohnehin schon am Plafond. Sind Kunden bereit, weitere Teuerungen zu schlucken?

Die Pandemie hat den Trend zur Freizeitorientierung verstärkt. Viele aus der jungen (Erben-)Generation wollen nur noch von Montag bis Donnerstag und sicher nicht abends oder am Wochenende arbeiten. Ein Teil der Bürger driftet in Richtung Müßiggängergesellschaft ab: Ausbildungs- und Pensionszeiten verlängern sich. Stadt und Land bieten jede Menge Gratisvergnügungen. Der Druck, lieber auf eigenen Beinen zu stehen, statt vom Sozialstaat (oder von Mama und Papa) abhängig zu sein, ist nicht besonders hoch. Oft ist ein Mix aus beidem – speziell im Niedriglohnbereich – für alle Beteiligten, (auch die Arbeitgeber!) am besten und „billigsten“. Also eine Kombi aus geringfügiger Beschäftigung, Mindestsicherung und manchmal auch Schwarzarbeit. Der Vorstoß von AMS-Chef Kopf, die (geringfügigen) Beschäftigungsmöglichkeiten neben dem AMS-Bezug einzudämmen, ist daher vernünftig, auch wenn das Thema komplex ist. Auch ein degressives Arbeitslosengeld für Branchen mit ausreichend offenen Stellen wäre gut: Am Beginn bekommt man mehr als jetzt, nach ein paar Monaten weniger.

Junge zu aktivieren, ist wichtig, Personalressourcen gibt es aber auch bei Älteren. Viele wollen länger (aber vielleicht nicht Vollzeit) arbeiten oder suchen vergeblich Arbeit. Einen Job mit 50 plus zu finden, ist nämlich selbst für Hochqualifizierte fast aussichtslos. Arbeitgeber fürchten, sie im Falle des Falles nicht kündigen zu können, weil es vor dem Sozialgericht als „sozialwidrig“ gilt. Abgesehen davon richtet sich das Gehalt zu sehr nach Alter, statt nach Leistung. Auch das niedrige Pensionsantrittsalter macht Arbeitnehmer früher „alt“: Wer ohnehin bald aufhören darf, absolviert keine Fortbildung mehr und die Firma investiert nichts in ihn/sie. Eine große Arbeitsmarktreform ist das Gebot der Stunde.

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