Für die Franzosen heißt es heuer wohl auf Feuerwerk zu verzichten

© APA - Austria Presse Agentur

Leitartikel
12/30/2020

Was man 2050 von 2020 erzählen wird: Mehr Gutes als wir derzeit glauben

Ein Jahr wie ein Wackelkontakt. Licht an, Licht aus. Vieles wird im Fluss der Zeit mickrig, manches aber großartig erscheinen.

von Richard Grasl

Statistisch gesehen kann ich meinem zehnjährigen Enkelkind 2050 vom Horror-Jahr 2020 erzählen. Wo wird es historisch angesiedelt sein? 1918 und 1938/39 scheiden aus. Nicht vergleichbar. 2008, das Jahr der Finanzkrise? Harmlos dagegen. Der Ölschock 1973, als meine Eltern einen Tag pro Woche nicht Auto fahren durften, ist ebenso ein Klacks. Der Super-GAU in Tschernobyl 1986 hat bisher am meisten Angst gemacht. Bis Corona kam.

Was werde ich also in dreißig Jahren davon erzählen? Dass wir einige Wochen nicht raus durften und Masken tragen mussten? Die Geschäfte geschlossen waren? Dass Skifahren und Bundesgärten das Land spalteten? Ob bei der ersten Impfung ein Politiker auf dem Foto dabei war? All das wird im Fluss der Geschichte mit einigen Jahren Abstand mickrig wirken. Am ehesten noch, dass Corona dafür gesorgt hat, dass Donald Trump nicht mehr US-Präsident wurde. Und zu befürchten ist, dass die entstandene Insolvenzwelle zu einer Millionen-Arbeitslosigkeit geführt haben wird.

Als positiv denkender Mensch würde ich meinen Enkeln aber gerne einige großartige Errungenschaften erzählen.

Erstens: Wenn die ganze Welt wirklich etwas will, dann geht alles! Die Erfindung eines Impfstoffs in nur neun Monaten hat einen Wissenschaftsturbo gezündet. Autos fahren jetzt sehr bald mit Wasserstoff, die Agrar-Forschung ermöglicht die Ernährung aller Menschen auf der Welt. Klimawandel und Migrationskrise wären rasch eingedämmt.

Zweitens: Die EU hat es geschafft, Impfstoffe gerecht zu verteilen. Man findet daher nun auch Konsens über die faire und menschenwürdige Unterbringung von Kriegsflüchtlingen und unbegleiteten Kindern. Da (siehe Punkt 1) keine Massen mehr kommen, sinkt die Angst hierzulande, dass die Integration uns überfordert. Der Begriff „Pull-Faktor“ verschwindet.

Drittens: Unternehmen sind agiler und resilienter gegen Krisen geworden. Medikamente werden in Europa produziert. Wenn der Staat etwas wirklich will, gibt es keine Ausreden mehr: die Ausstattung der Schulen, Klimaschutz, Pflegereform. Seit 2020 sind einzelne Tage im Homeoffice selbstverständlich. Familien werden glücklicher, der Mensch ist weniger gestresst, wir sparen Millionen von Pendlerkilometern. Trotzdem sinken Produktivität und Kreativität nicht.

Viertens: Wir haben als Gesellschaft vom Egoismus zurück zur Gemeinsamkeit gefunden. Junge sind wegen der Alten daheim geblieben, die verstehen nun die Anliegen der jungen Generation. Das echte Treffen ist mehr wert als Video-Meetings, das tiefgehende Gespräch (Junge sagen „Deep Talk“) taugt mehr.

Wir wissen nach 2020, dass nichts selbstverständlich ist. Es war ein Jahr wie ein Wackelkontakt. Licht an, Licht aus, aber ohne Blackout. Vieles wird nicht kommen, wie von mir erhofft. Aber heute ist ja der Tag der guten Vorsätze.

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