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Leitartikel
10/30/2020

Was ist es uns wert?

Islamisten töten in Frankreich wegen Karikaturen. Bedroht das die Freiheit von Kunst und Rede? Eine Abwägung.

von Philipp Wilhelmer

Frankreich hat wieder Tote zu beklagen: Die grauenvollen Taten eines Islamisten, der in einer Kirche drei Menschen ermordete, erschüttert.

Erst vor Kurzem wurde ein Lehrer von einem islamistischen Extremisten getötet, nachdem dieser Mohammed-Karikaturen hergezeigt hatte. Die Satirezeitschrift Charlie Hebdo legte nach und veröffentlichte eine Karikatur des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan.

Wie groß ist die Freiheit der Kunst und der Satire im Lichte dieser grauenvollen Ereignisse? Lassen uns solche Irrsinnstaten, ausgelöst durch gezeichnete Gags, vor wichtigen Debatten zurückschrecken?

Dass es auch in Europa Irre gibt, die einen Cartoon zum Anlass für Bluttaten nehmen, ist ebenso erwiesene wie tragische Tatsache. Radikale Islamisten heben als selbst ernannte Gottesarmee die in aufgeklärten Gesellschaften hochgehaltene Trennung von Religion und Staat auf brutalste Weise auf. Charlie Hebdo legte selbst Zeugnis davon ab: Hier hat eine Zeitschrift immer wieder ihre eigene Unversehrtheit in die Waagschale geworfen, um den Beweis darüber zu führen, dass man die Freiheit der Kunst um jeden Preis hochhält. Bewaffnete Männer stürmten in Folge 2015 die Redaktion und töteten elf Personen, darunter einen Polizisten, der die Belegschaft hätte schützen sollen.

Viele Medien und Satiriker machen nicht erst seit damals aus Selbstschutz einen großen Bogen um diese Art von Humor.

Diesen Pragmatismus mit Denkverboten gleichzusetzen, griffe jedoch zu kurz. Eine aufgeklärte Gesellschaft muss Stellung beziehen, wenn sich etwa in Wien junge Männer als Sittenwächter aufspielen und jungen Frauen erklären, wie sie zu spuren haben, um nicht als „haram“ zu gelten. Es ist nicht zu akzeptieren, dass sich radikale Zellen in Hinterhofmoscheen bilden, die die Mordlust einiger weniger befeuern.

Allein: Niemand scheut sich, diese Debatte zu führen. Weder Politik noch Medien schauen weg, wo sich Parallelgesellschaften bilden. Das Gegenteil ist der Fall: Vor Corona waren islamische Mitbürger Dauerthema in der Tagespolitik, teils auch auf sehr fragwürdige Weise.

Was stimmt: Eine aufgeklärte Gesellschaft kann sich in ihren Debatten und in ihrer Kunst kein Zurückweichen gegenüber wildgewordenen Fanatikern erlauben. Muss man aber einen Propheten verballhornen, um Denkfreiheit zu demonstrieren? Keine Karikatur rechtfertigt Gewalt. Viele Christen haben sich etwa zurecht gekränkt gefühlt, als der Papst von der Satirezeitschrift Titanic mit urinbeschmutztem Gewand gezeigt wurde. Keiner ergriff ein Messer. Das ist aber noch kein Hinweis darauf, dass wir uns über das Heiligste von Gläubigen lustig machen müssen, um unsere Diskursfähigkeit zu beweisen.

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