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Leitartikel
10/28/2021

Warum Thiem beim Impfen kein Vorbild sein muss

Die Vorbildwirkung von Spitzensportlern endet beim eigenen Körper. Aber auch für sie gelten alle Konsequenzen – positiv und negativ.

von Richard Grasl

Deutschland und Österreich sind in Westeuropa mit der Schweiz Schlusslichter bei der Impfquote. In den drei Ländern steigen Infektions-, Todes- und Intensivbettenzahlen. Die Welle Nummer vier beginnt sich aufzutürmen.

Da ist es nachvollziehbar, dass in Deutschland und Österreich die gleiche Debatte geführt wird. Wenn das Kollektiv schwächelt, müssen Protagonisten des öffentlichen Lebens als Schuldige herhalten. Im konkreten Fall sind es die Spitzensportler Joshua Kimmich und Dominic Thiem. Beide haben öffentlich bekannt, sich bisher nicht impfen gelassen zu haben. Auf beide prasseln seither Vorwürfe ein, dass sie ihrer Vorbildfunktion nicht gerecht würden. In beiden Fällen ist diese Anmaßung falsch bis gefährlich.

So wie jeder andere Mensch haben nämlich auch Personen des öffentlichen Lebens das Recht, über ihren Körper selbst zu entscheiden. Geradezu geboten ist dies bei Spitzensportlern. Ihr Körper ist ihr Kapital, und wenn Kimmich und Thiem sagen, sie hätten derzeit noch Bedenken, dann ist das ihnen und ihren behandelnden Coaches und Medizinern zu überlassen. Mit allen Konsequenzen. Sie riskieren damit auch nach einer Covid-Erkrankung Langzeitfolgen. Im Sport machen ein paar Prozent fehlende Fitness den Unterschied zwischen einem Weltmeister und einem Durchschnittsspieler aus.

So weit die sportliche Frage. Bleibt die mit der Vorbildwirkung. In Österreich hat Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein Thiem aufgefordert, impfen zu gehen. Mückstein hat aber einen ärztlichen Rat erteilt und nicht auf die Verantwortung eines in der Öffentlichkeit stehenden Menschen angespielt. Das wäre für einen Gesundheitsminister, der selbst dazu steht, Raucher zu sein, nicht angebracht.

Aber natürlich hat Thiem eine Vorbildfunktion: 1,4 Millionen Fans folgen ihm auf Instagram. Wenn er im Finale spielt, malen sich junge Menschen rot-weiß-rote Farben ins Gesicht. Bei Skisportlern ist der Fankult noch größer. Immer wenn ein Ex-Skiläufer bei Dancing Stars teilnimmt, gewinnt er oder sie so gut wie sicher. Stars sollen Vorbild in ihrem Sport sein, auch dafür, dass sich Leistung und Zielstrebigkeit lohnen. Sie können sich wie Thiem für die Rettung der Weltmeere oder wie Alaba für Waisenkinder einsetzen. Beim höchstpersönlichen Lebensbereich endet diese Vorbildfunktion jedoch. Selbst wenn sich Thiem nun impfen ließe, entstünde der Eindruck, es sei auf staatlichen und öffentlichen Druck geschehen. Kein Impfskeptiker würde sich davon überzeugen lassen.

Heikel wäre, wenn sich Personen öffentlichen Interesses für faktenbefreiten Unsinn einsetzen würden, so wie Herbert Kickl das tut. Dann müsste vehement kritisiert und richtig gestellt werden. In beiden Fällen ist das aber nicht der Fall. Und problematisch wäre, wenn es für Stars Extrawürste geben würde. Auch Thiem müsste sich in der Stufe 5 einem Lockdown mit Ausgangssperre unterziehen – genauso wie alle Ungeimpften.

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