Meinung
12.05.2017

Von der Unmöglichkeit, Abschied zu nehmen

Manchmal ist es besser, wenn wir jemandem sagen, dass wir ihn vermissen werden, so lange er noch da ist.

Barbara Kaufmann | über die Unmöglichkeit, Abschied zu nehmen

Abschiednehmen kann man nicht üben. Man kann es nicht proben, sich nicht vorher vorstellen, wie es nachher sein wird. Denn manchmal weiß man erst, dass man jemanden vermissen wird, wenn er nicht mehr da ist.

Als ich ein Kind war, hatten meine Eltern eine Alm gepachtet, hoch über dem Drautal in Kärnten, in der wir jeden Sommer verbrachten und alle Ferien. Es war nicht mehr als ein kleine Hütte, der ehemalige Bergbauernhof einer Familie, die sich verbessert hatte und nun ein Wirtshaus besaß am Ende der Straße. Immer noch harte Arbeit, wenig Schlaf, kaum Privatleben. Tagsüber kamen die Wanderer, abends die Bauern der umliegenden Höfe. Die Sperrstunde war spät, die Luft im kleinen Schankraum stickig vom Zigarettenrauch und den Küchendünsten. "Aber alles besser als früher", sagte Maria, die Wirtin. Besser als in der Früh die Tiere versorgen, tagsüber am Feld stehen, abends das Fleisch verarbeiten.

"Ich bin ja da"

Maria war stolz auf ihr Wirtshaus, und ihre Gäste waren für sie wie eine Familie, besonders die jungen. Für uns Kinder hatte sie eine Bank reserviert, im Eck direkt unter der Metallkassa des Sparvereins mit Blick auf die Berge. Dort saß ich immer. Maria gab mir ein Eis, las mir vor, manchmal trug sie mich auf ihren Schultern durch den Schankraum. Ich durfte auf der Theke sitzen und ihr helfen beim Limonade einschenken und Brote schmieren. Immer, wenn wir fahren mussten, weinte ich beim Abschied von ihr. "Ich bin ja da", sagte sie dann, "ich bin immer da und bald kommst du wieder."

Dann wurde ich älter und zog nach Wien und meine Eltern gaben die Alm ab, weil die Zeit der gemeinsamen Urlaube vorbei war. Trotzdem fuhren wir noch manchmal einen Tag hinauf auf den Berg und gingen ins Wirtshaus zur Maria. Ich bekam meinen Platz auf der Bank unter der Metallkassa mit Blick auf die Berge gegenüber, die nun verbaut waren. Es gab ein Eis und Schnaps statt Limonade.

Marias Haare hatten ein paar graue Strähnen, aber ihr Lachen war wie früher. Auch wenn sie mich nun nicht mehr durch den Raum tragen konnte. Die Jahre vergingen, und ich dachte oft an sie, aber es war immer so viel zu tun, älter werden, Arbeit finden, leben, überleben. Nächsten Sommer fahre ich hinauf, dachte ich mir jeden Herbst, ganz sicher.

Eines Tages

Irgendwann war es so weit. Ich sprang aus dem Wagen, lief auf das Wirtshaus zu, aber die Tür war verschlossen. Die Fenster waren staubig, der Schankraum war leer. Im Garten fand ich Marias Mann. Kleiner als in meiner Erinnerung, dünner, älter. Er freute sich, als er mich erkannte, aber schüttelte den Kopf. "Maria ist schon lange im Heim", sagte er, "ein Schlaganfall vor vier Jahren."

Ich hatte mir diesen Abschied nicht vorstellen können. Ich hatte gedacht, die Menschen aus meiner Kindheit warten dort auf mich, wo ich sie verlassen hatte. Aber das taten sie nicht. Ich hatte gedacht, sie wussten, was sie mir bedeuteten, ohne es ihnen sagen zu müssen, dass sie immer bleiben würden, wo sie gewesen waren. Aber das konnten sie nicht.

Manchmal ist es besser, wenn wir jemandem sagen, dass wir ihn vermissen werden, so lange er noch da ist. Denn wenn er gegangen ist, ist es zu spät.