Verantwortung heißt, Antworten zu geben

Manche  Menschen prägen ihr Umfeld und manche werden von ihm geprägt. Sie nehmen die Haltung ihrer Umgebung ein, ihre Ansichten, ihr Bild von ihnen selbst. Als hätten sie kein eigenes Ich, als wäre die Außensicht von ihnen wahrer als das, was sie im Innersten sind.

Vielleicht ist da auch gar nicht viel. Vielleicht waren sie nie auf ihr Innerstes zurückgeworfen, vielleicht haben sie keine Steine vom Leben in den Weg gelegt bekommen, über die sie gestolpert und gefallen sind, in eine Schlucht, in der sie dazu gezwungen waren, sich mit dem auseinanderzusetzen, wo sie sind und was sie sind und was sie tun. Schicksalsschläge, die einen nachts auf dem Balkon ganz unmythisch den Mond anheulen lassen, weil man sich fragt: Warum ich? Wie konnte das passieren? Was habe ich mir bloß dabei gedacht?

Fragen, die wehtun. Die einen dazu bringen, etwas zu verändern. Für die man Jahre später dankbar ist.

Niemals anecken

Manche Menschen müssen sich diese Fragen niemals stellen. Sie handeln, wie ihr Umfeld es von ihnen verlangt. Sie glauben den Worten anderer, wiederholen sie, weil ihnen eigene fehlen. Sie hören auf ihre Claqueure, auf jene Menschen, deren Produkte sie sind  und kennen keine Kritiker. Sie sagen, was die anderen hören wollen, und ecken niemals an. „Sie sind ein Fisch im Wasser, ein Vogel in der Luft, eine Schlange in der Wüste“, pflegte meine Urgroßmutter zu sagen.

Sie war Jahrgang 1901 und sagte meistens Sätze, die als Kind seltsam für mich klangen. Sätze, die man schon damals nicht mehr oft hörte. Sätze, die ich nicht verstand. Heute, fast 20 Jahre nach ihrem Tod, fallen sie mir wieder ein. Meistens dann, wenn ich an Begriffe denke, die kaum noch Bedeutung zu haben scheinen. Die altmodisch sind und ein wenig verstaubt – so wie das Wohnzimmer meiner Urgroßmutter in ihrer kleinen Wohnung war, in der sie Enkel beriet und Urenkel versorgte und ihren Mann pflegte, bis er starb.   Verantwortung, Vertrauen, Verlässlichkeit. Darüber sprach sie häufig, denn damit kannte sie sich aus. „Vertraue niemals denen, die anderen nach dem Mund reden“, sagte sie.

Meine Heldin

Und sie wusste, wovon sie sprach. Hatte sie doch in einer schrecklichen Zeit der Unmenschlichkeit das Leben von Menschen gerettet, die zum Töten freigegeben waren. Unter Einsatz ihres eigenen. Sie spürte, bei wem ein Geheimnis gut aufgehoben war. Wer diskret und integer war. Wer etwas für sich behielt. Die Eigenwilligen, die Wortkargen, diejenigen, für die ein Platz in der ersten Reihe kein Sehnsuchtsort war. Sie vertraute den leisen Zweiflern mehr als jenen mit den großen Versprechen. Für mich war die Urgroßmutter eine Heldin, die jedoch selbst keine sein wollte. Wenn wir Menschen trafen, die dank ihr überlebt hatten, wurde sie danach immer schwermütig. Denn sie hätte doch mehr tun können.

„Verantwortung heißt, eines Tages Antworten geben zu müssen.“ Wir standen gemeinsam am Wörthersee, an einem kalten Wintertag, als sie diesen Satz zu mir sagte. Sie trug ihren alten, abgetragenen Pelzmantel und hielt mich fest an der Hand. Und ich dachte, ich hätte es vergessen. Aber dieser Tage fiel es mir wieder ein. 

(kurier) Erstellt am
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