Sonnenaufgang

© APA/dpa/Christian Charisius / Christian Charisius

Leitartikel
07/16/2021

Umweltträume und -schäume

Muss, wer C wie CO2 sagt, nicht auch A wie Atomkraft sagen? Das große EU-Klimapaket wirft einige unbequeme Fragen auf

von Martina Salomon

Die deutsche Unwetterkatastrophe zeigt, wie wichtig Maßnahmen gegen den (nicht nur, aber auch) durch Menschen verursachten Klimawandel sind. Die EU stellte diese Woche ihr „Fit for 55“-Paket vor (55 Prozent des CO2 ab 1990 sollen eingespart werden). Theoretisch findet diese radikale Ansage breite Zustimmung, praktisch wird sie noch Blut, Schweiß und Tränen bedeuten.

Und sie wirft provokante Fragen auf, etwa: Muss, wer C wie CO2-Reduktion sagt, nicht auch A wie Atomkraft sagen? Das ist ziemlich wahrscheinlich – die EU könnte Atomkraft sogar zu grünen Energietechnologien zählen, viele Staaten innerhalb und außerhalb der EU sind schon jetzt auf die (CO2-freie) Atomkraft angewiesen.

Zur Beruhigung: Wir in Österreich nicht, aber nur, weil wir das Privileg der Wasserkraft haben (gegen deren Ausbau einst die Grünen allerdings auch Sturm liefen). Allein in China sind 44 neue AKW geplant, in Russland 26, in Indien 14. Auch wenn diese Kraftwerke teuer in der Errichtung sind und die Endlagerfrage nach wie vor ungeklärt ist, wird ihre Gefährlichkeit bei uns völlig überschätzt. Bei der Statistik „Tote pro Terawattstunde je Energiequelle“ liegt die Atomkraft an letzter Stelle, an erster mit riesigem Abstand die Kohle. Wobei von einem weltweiten Ausstieg auch hier keine Rede sein kann. Zwar werden immer mehr alte, umweltschädliche Kohlekraftwerke stillgelegt, dem stehen aber global rund 1.400 neu geplante gegenüber.

Es ist großartig, dass sich Europa als Vorreiter gegen die Erderwärmung positioniert, obwohl es nur für zehn Prozent des globalen CO2-Ausstoßes verantwortlich ist. Aber es birgt auch Gefahren: Die gesteckten Ziele sind unrealistisch. Sie werden Hunderttausende Jobs vernichten und den Wohlstand in der EU gefährden – ihn dafür in Ländern (buchstäblich) befeuern, wo Klimaschutz eher klein geschrieben wird. Viele Experten meinen, dass die E-Mobilität eine Übergangstechnologie ist – derzeit noch nicht „sauberer“ als das fossil angetriebene Auto. Abgesehen davon braucht E-Mobilität auch Strom und ausgebaute Netze. Das Setzen auf Ökostrom führt zu immer größerer Abhängigkeit von importierter Energie (Stichwort „Dunkelflaute“). Im Falle eines Blackouts könnte das noch besonders „spannend“ werden.

Wenig diskutiert wird auch die desaströse Landschaftsverschandelung, wenn Österreich wie geplant die Windkraftleistung verdreifacht. Künftig werden nicht nur Windräder, Solarpaneele und E-Autos wichtig sein, sondern auch, dass die EU Vorreiter bei grüner Technologie wird. Die Bahnverbindung innerhalb Europas muss radikal besser, die Bodenversiegelung reduziert werden. (Wir reden sowieso zu wenig über Grundstücksspekulation und Bauwut, nur weil das Geld in „Beton“ flüchtet.) Ansonsten werden sich die Umweltträume als -schäume erweisen.

Martina Salomon
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