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Leitartikel
03/18/2021

Um jeden Preis poliert

Sebastian Kurz hat vor allem eines zu verteidigen: Sein Image. Die Freude an der Inszenierung nutzt sich in der Krise ab.

von Philipp Wilhelmer

„Wir haben dieses Thema am Freitag aufgedeckt“, erklärte Kanzler Sebastian Kurz am Mittwochabend in der „ZiB2“. Journalisten waren zu Recht verwirrt: Der Kanzler als Aufdecker? Und wenn ja: Was hat er mit seinem Angriff auf Beamte in Brüssel und in Österreich in der Impfcausa eigentlich aufgedeckt?

Sebastian Kurz ist im Auftritt talentierter als andere, disziplinierter und geschulter. Kein öffentlicher Aspekt seiner Persönlichkeit ist dem Zufall überlassen: Ob es die rhythmischen Armbewegungen sind, die seine Silben unterstreichen, wenn er einen Punkt machen will, ob es die stets gleichförmig perfekte Haarpracht ist oder das frühere Zelebrieren von Economy-Flügen als Zeichen des ausgerufenen neuen Stils: Image kann man sich nicht kaufen, aber mit viel Aufwand (und vielen Strategen im Hintergrund) perfektionieren.

Die Devise lautet: Fehler macht nur einer nie. Und passenderweise rutschten stellvertretend für Kurz gehäuft jene aus, die theoretisch auch einen Führungsanspruch stellen könnten.

Der an Lebensjahren immer noch junge Politroutinier hat so zwei geplatzte Koalitionen samt Ibizaskandal überlebt, alle Skandale in seinem Umfeld weggewischt und es immer wieder geschafft, zur richtigen Zeit die richtige Story zu platzieren: Um ein Thema in den Hintergrund zu drängen, um die eigene Heldenstory zu unterstreichen, oder aber um die Bevölkerung dazu zu bringen, das Vernünftige zu tun, notfalls mit extremen Angstszenarien. Wer im TV mehr als zwei Zusatzfragen hatte, stieß entweder auf eine Mauer des Schweigens oder wurde mit einer Variation von „Sie werden doch nicht ernsthaft glauben, dass...“ als blöd hingestellt. Die Oberfläche blieb um jeden Preis poliert.

Diese Weigerung, auch nur einen Millimeter von einer eigenen Dramaturgie abzuweichen, zeigt mitten in der Krise gröbere Abnutzungserscheinungen: Wenn Kurz „Skandal“ ruft, fragen die Beobachter nicht mehr: Wo? Sondern: Was bezweckt er diesmal? Und wenn er sich nun zum „Aufdecker“ stilisiert, fragt man, ob diese Variation von „Haltet den Dieb“ mehr von anderen Fehlern ablenken oder den Wählern eine Erklärung bieten soll, warum ausgerechnet unter dem perfektesten Kanzler aller Zeiten so wenig zu gelingen scheint. Ein paar graue Beamte sind eine willkommene Projektionsfläche: Sebastian Kurz rettet. Unser Kanzler hat das im Griff.

Ironischerweise bräuchte es in dieser Frage weder Spin noch Heldenmythos: Alle halten es für eine Zumutung, dass die EU in puncto Impfen nichts zusammenbringt. Durch Kurz’ Freude am PR-Manöver wissen aber nicht einmal mehr die kundigsten Beobachter mehr, woran das liegt.

Sicher ist nur eines: Einer ist nicht schuld.

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