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Leitartikel
12/14/2020

So liberal sind wir gar nicht

„Mündige Bürger“ wehren sich gegen den Fortschritt und begründen das mit bedrohter Liberalität, lieben aber gleichzeitig den Nanny-Staat

von Martina Salomon

Es ist eine bittere Erkenntnis aus der gegenwärtigen Krise: Geht es hart auf hart, funktioniert unser liberales Gesellschaftsmodell schlechter als ein System mit autoritären Zügen. China, aber auch die Demokratien Taiwan und Südkorea kommen leichter aus der Corona-Krise heraus, weil Individualität weniger zählt als Solidarität und digitale Hilfsmittel nicht zu endlosen Datenschutzdebatten führen.

Dass wir in Österreich jetzt Geld verschenken müssen (und sei es als Gutscheine), damit die Menschen doch bitte wenigstens zu den tadellos organisierten Massentests gehen, ist verrückt – passt aber zu unserem Verständnis, das in Wirklichkeit weitaus weniger liberal ist, als vorgegaukelt: Im Grunde vertrauen wir auf den Nanny-Staat (mit einer der höchsten Steuerquoten weltweit). Das einzig Liberale daran ist, dass man über ihn schimpfen und zudem ungestraft jeden Unsinn verzapfen darf, was gerade wieder Hochkonjunktur hat. Sprich: Man glaubt an Klangschalen und 5G-Entstörungsprodukte, spinnt aber rund um eine neue Impfung, an der sich die Wissenschaft der ganzen Welt beteiligt hat, abstruse Weltverschwörungstheorien. Damit entscheidet sich Europa kollektiv für das Mittelalter statt für die Neuzeit. Denn wer Contact-Tracing-Apps, Screenings und Impfungen ablehnt, muss noch lange bei Maskenpflicht, sozialer Isolation und dem Kaputtmachen von Wirtschaft und Kultur bleiben.

Um da wieder rauszukommen, ist die Impfung von circa zwei Drittel der Bevölkerung derzeit die einzige Möglichkeit. Aber was hört man allerorten? „Na, ich werd’ jetzt nicht der Erste sein.“ Sollen doch lieber die anderen „Versuchskaninchen“ spielen. Unsere tief sitzende Technikfeindlichkeit nagelt uns ein Brett vor den Kopf. Nachdem Gentechnik jahrzehntelang verteufelt wurde, versetzt uns ein Impfstoff, der daraus Erkenntnisse zieht, in Panik. (Und weil der Meinungsstrom seit Jahrzehnten Atomkraft stigmatisiert, gelten auch hier strikte Denkverbote, wie die Neos erst kürzlich schmerzlich erfahren haben. Deren Chefin beeilte sich, via Krone etwaige Missverständnisse auszuräumen und pinke Stromlinienförmigkeit zu beweisen: „Atomenergie keine Lösung!“)

Eigentlich hätte uns ja die Geschichte lehren müssen, dass Seuchen regelmäßig auftreten und immer wieder Millionen Tote verursacht haben (Diphtherie, Pocken, Spanische Grippe usw.). Ein Wunder, dass wir in den vergangenen Jahrzehnten davon nur gelegentlich (Vogelgrippe, Schweinegrippe, SARS, Ebola) gestreift wurden.

Fazit: Wenn wir den Fortschritt ablehnen und uns dabei auch noch auf unsere (Pseudo-)Liberalität berufen, haben wir nach jedem „Tanz“ wieder einen neuen „Hammer“. Und der fällt uns hart auf den Schädel.

Martina Salomon
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