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Leitartikel
02/06/2021

Schulen, Handel, Friseure: Ein Hilfspaket für die Seele

Mit den Öffnungsschritten treten wir in eine neue Phase der Krisenbewältigung. Logik und Infektionszahlen sind nicht mehr alles.

von Gert Korentschnig

Aufg’sperrt wird, zumindest teilweise. Kein Homeschooling mehr, außer man ist Nasenbohrtest-Verweigerer. Keine Corona-Matte, außer man huldigt dem kühnen Trend zum Vokuhila. Weniger Bestellungen auf Amazon (hoffentlich), außer man ist shoppingmäßig so entwöhnt, dass man gar kein Geschäft mehr betritt. Nur das Wirtshaus, das kommt weiterhin mit dem Fahrradboten (von den Theatern reden wir schon gar nicht mehr).

Österreich beendet ab Montag den harten Lockdown, der ja nur ein mittelharter war, und setzt fortan auf einen weichen. Wie bei einer neuen Zahnbürste, wenn das Zahnfleischbluten zu stark war. Das Seltsame daran: Wochen-, nein monatelang haben viele Menschen die strengen Regeln infrage gestellt; jetzt, da sie fallen, passt es auch nicht. Gäbe es im Moment eine seriöse Umfrage, ob die Bevölkerung die Schritte begrüßt oder angesichts der Infektionszahlen lieber noch ein paar Wochen in einer Sperrzone verharren würde, die Wahl fiele wohl auf Zweiteres.

Jedenfalls tritt die Regierung nunmehr in eine neue Phase der Krisenbewältigung: Es geht nicht mehr nur ums Zählen von positiven Tests, Krankenbetten oder sogar Toten. Die jetzige Strategie lässt neben der Mathematik auch das Fach Psychologie zu. Endlich hat die Politik erkannt, dass die Folgeschäden – die emotionalen, die ökonomischen, jene im Bereich der Bildung – ebenso im Fokus stehen müssen. Dass eine Pandemie mehr ist als nur eine Gesundheitskrise. Und dass es bei der Bekämpfung Abwägungen braucht. Das ist nicht weniger als eine radikale Abkehr vom Kurs, in dem alle Entscheidungen mit Infektionskurven und Intensivbetten begründet wurden. Das könnte man auch so kommunizieren und nicht mit Angstrhetorik.

Statt Vorfreude auf die Öffnungen herrscht Skepsis: Ist es das Risiko wert? Oder nimmt man damit nicht hunderte oder tausende Tote in Kauf? Darauf gibt es keine klaren Antworten, aber durchaus Argumente, warum der neue Weg der richtige sein könnte. Die Überlastung in vielen Familien mit Schulkindern ist mittlerweile gewaltig. Von älteren Menschen hört man immer öfter, wie sehr sie vereinsamen und dass es eine Frage der Würde sei, Familienmitglieder zu treffen. Auch unter Berufstätigen und Studenten ist der Frustpegel enorm, von Arbeitslosen gar nicht zu sprechen. Was jetzt passiert, ist ein Hilfspaket für die Seele, ein psychischer Verlustersatz.

Selbst wenn man noch einmal zusperren müsste – so dürfte ein Kalkül sein –, wird man sich die kommenden vier, fünf Monate, bis eine adäquate Durchimpfungsrate gegeben ist, drüber retten. Spätestens dann wird die Mortalitätsrate rasch sinken und mit ihr die Bedrohung. Dann können wir dank Medizin das tun, was die Voraussetzung für das Ende einer Pandemie ist: Lernen, mit dem Virus zu leben.

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