Putin ist ein Gefangener im eigenen System

Nur Stalin hat in der jüngeren Geschichte länger regiert – das bringt große Risiken mit sich.
Stefan Schocher

Stefan Schocher

Putin ist ein Selbstdarsteller. Ein gerissener Selbstdarsteller. Und er ist ein Politiker, der in den Machtstrukturen Russlands geschickt jongliert. In den Augen seiner Fans hat er damit und mit einer klar nationalistischen Rhetorik sowie einem bisweilen skurril anmutenden Mix aus sowjetischer wie zaristischer Ästhetik Russland zu neuer Größe verholfen. Vor allem aber: Nach den wirtschaftlichen Katastrophen der 90er-Jahre hat der russische Bürger heute das Wohlfühlpaket aus Hurra-Patriotismus und einem Mindestmaß an ökonomischer Berechenbarkeit – bescheidener Wohlstand, der zuweilen mit westlichen Prestigemarken zelebriert wird, während es zugleich salonfähig geworden ist, auf den "dekadenten Westen" zu schimpfen.

Putin ist in gleichem Maße aber auch ein Gefangener des ebenso auf ihn zugeschnittenen wie von ihm selbst geschaffenen Systems. Und die Stabilität, mit der er sein Tun rechtfertigt, ist sehr eng mit ihm und seinem Amt verknüpft. Putin ist 65 Jahre alt – was knapp der durchschnittlichen Lebenserwartung von Männern in Russland entspricht. Nach der Wahl hat Putin angedeutet, dass das seine letzte Amtszeit sein würde. Zwar ist diese Aussage wohl so flexibel wie die russische Verfassung, aber sie berührt einen wunden Punkt.

Putin hat bisher keinen Nachfolger aufgebaut. Sein Zögern vor Bekanntgabe seiner Kandidatur für die Wahl, wie auch der Krieg in der Ukraine, haben zugleich einen veritablen Machtkampf hinter den Kulissen sichtbar werden lassen: Jenen zwischen Moderateren und den unter Putin massiv erstarkten Ultranationalisten innerhalb der politischen Elite. Bisher hat es Putin geschafft, die Scharfmacher einigermaßen zu zügeln. Je länger er aber damit wartet, seine Nachfolge zu regeln, desto schärfer werden die Klingen, die derzeit bereits gewetzt werden.

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