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Meinung
05/23/2020

Pro und Contra Homeoffice: Moderne Welt oder schleichende "Hausfrauisierung“

Zwei KURIER-Autoren mit unterschiedlicher Sichtweise aufs Arbeiten von zu Hause aus.

von Georg Leyrer, Anita Staudacher

Pro Homeoffice

Ich vermisse im Home Office meine Kollegen. Sehr! Kennt ihr mich noch? Und erinnert ihr euch eh noch an meine immer total konstruktiven Einwürfe und Bonmots bei den Sitzungen?

Aber jetzt ganz allgemein gesprochen – nichts davon hat mit mir zu tun! –, sind Bürostunden nicht umsonst Stoff für Running Gags und Lebensdepression. Täglich wälzen sich Hunderttausende allein in Wien von A nach B, um dort unter unangenehmeren Bedingungen als zu Hause weniger von dem zu tun, wofür sie bezahlt werden. Und am Abend wälzen sie sich zurück. (Bei einer halben Stunde Fahrzeit in eine Richtung ist das fast ein zusätzlicher Arbeitstag pro Woche, den nochmal wer bezahlt?)

Was für eine Chance wäre es für ein Neudenken von Städten und Dörfern (huch, weniger Autos!), wenn das wegfällt.

Das Arbeiten ist für die, bei denen Home Office infrage kommt, längst digital geworden. Bisher hat davon der Arbeitgeber was und der Arbeitnehmer halt mehr Arbeit. Die Nutzen der Digitalisierung sind ungleich verteilt.

Da wäre es doch ein Anfang eines Gegengeschäfts, zu sagen: Dann mach ich das zumindest tageweise lieber zu Hause als im wunderschönen Großraumbüro. Zu Hause könnte man vielleicht sogar zwischendurch auch was Konstruktives für die Familie tun. Und die Meetings mach’ ich im Café.

Da verfangen sich manche Chefs jedoch sofort in abstruse Produktivitätsverlustfantasien. Bitte, der arbeitet nicht jede Sekunde! Als ob nicht die Reibungsverluste im Bürodrama noch viel mehr Zeit fressen.

Georg Leyrer ist Leiter des Kulturressorts und arbeitet derzeit von zu Hause aus.

Contra Homeoffice

Flexibel, nett und familiär kommt die neue Heimarbeit  daher; allein sie ist es nicht. Schon gar nicht für Frauen. Bevor sie es noch bewusst wahrnehmen,  befinden sie  sich  schon  in  der schleichenden „Hausfrauisierung“, also der Rückkehr zu tradierten Geschlechterklischees längst vergangener Tage.  Frau sorgt zu Hause für Essen und Kinder, Mann sitzt  vor allem am Schreibtisch und vorm Fernseher. Leider hat mehr Flexibilität noch nie dazu geführt, dass Männer auch mehr Fürsorgearbeit leisten. Für erwerbstätige Mütter ist das  permanente Homeoffice die komprimierte Doppelbelastung mit garantiertem Karriereknick.

Für die gesamte Arbeitswelt  lauern – angeheizt durch die  rasante Digitalisierung –  vor allem drei   große Gefahren: Entgrenzung, Entfremdung und Entsolidarisierung. Arbeit und Freizeit verschwimmen, Um auch ja nichts zu verpassen, sind Heimarbeiter  immer erreichbar. Fixe und laufende Kosten für Infrastruktur, Miete, Strom und Internet wandern klammheimlich vom Arbeitgeber zum Arbeitnehmer. „Wozu   noch ein Büro?“ fragen sich schon jetzt viele Betriebe. „Wozu   noch eigenes Personal anstellen?“, werden sie in einigen Jahren fragen.

Dank Digitalisierung lässt sich Büroarbeit in kleine Häppchen aufteilen und   über „die Cloud“ an  Billigstbieter   ins entfernteste Homeoffice vergeben. Hunderttausende Ich AGs treten gegeneinander an, mucken nicht auf und tragen brav das volle Risiko. Kommt die Krise,  gibt’s   Almosen aus dem Härtefallfonds. Wenn der Antrag fehlerfrei ist ...  

Anita Staudacher ist Mitglied der KURIER-Wirtschaftsredaktion  und arbeitet derzeit von zu Hause aus.