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Leitartikel
07/18/2021

Politik im Hochwasser

Dass ein lachender Laschet zum Politikum wird, sagt auch einiges über unsere kurzatmige Erregungsgesellschaft aus.

von Rudolf Mitlöhner

Hochwasser können durchaus auch politische Folgen haben. Manchmal ertrinkt auch gleich eine Regierung darin, wie 2002 das Kabinett Schüssel I. Die Fluten hatten die von der FPÖ versprochene Steuerreform hinweggespült – was mit ein Grund dafür war, dass der Kärntner Landeshauptmann Jörg „Ich bin schon weg“ Haider und andere zum Sturm auf die Bundespartei unter Susanne Riess-Passer bliesen. Am Ende stand „Knittelfeld“, der Ausgang ist bekannt. Der FPÖ ist das gar nicht gut bekommen – sie stürzte bei den darauffolgenden Neuwahlen ab, während die ÖVP auf seit den Achtzigerjahren nicht mehr und seither nie wieder erreichte 42 Prozent emporschnellte.

Ähnliches zeichnet sich derzeit freilich nicht ab. Aber der Grat, auf dem sich Politiker in einer solchen Situation bewegen, ist jedenfalls schmal: zwischen falschem Pathos und mangelnder Empathie. Bilder von Politikern in Gummistiefeln schrammen leicht an der Grenze des Lächerlichen oder Überinszenierten. Aber trotzdem wird natürlich erwartet, dass sich die Regierenden „nahe bei den Menschen“ zeigen.

In einer solchen Situation den richtigen Ton zu treffen zählt zweifellos zu den Stärken der deutschen Kanzlerin Angela Merkel. Ihr möglicher Nachfolger Armin Laschet hat indes ein Problem, weil er auf einem Video im Hintergrund mit Umstehenden lacht, während Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier seiner Betroffenheit Ausdruck verleiht.

Nun ist das gewiss unpassend, aber dass daraus gleich ein Politikum ersten Ranges wird, sagt auch einiges über unsere social-media-gesteuerte kurzatmige Erregungsgesellschaft aus. Freilich, dass der politische Mitbewerber im Wahlkampf diesen Ball verwandelt, kann auch nicht verwundern. Die SPD dürfte es dennoch nicht retten.

Kleiner Exkurs: Wie schnell eine Videosequenz einem um die Ohren fliegen kann, musste kürzlich Bundeskanzler Sebastian Kurz erfahren. Auch er hatte gelacht. Bei der Verleihung von Staatsbürgerschaften an Holocaust-Überlebende bzw. deren Nachfahren in New York funktionierte das geplante Abspielen der Bundeshymne via Handy nicht, worauf Kurz die Anwesenden dazu aufrief, doch selbst zu singen. Noch bevor alle eine gemeinsame Tonhöhe gefunden hatten, kam dann aber doch noch der Ton aus dem Smartphone. Die dadurch entstandene, leicht peinliche Verlegenheit hatte auch für Heiterkeit – unter anderem bei Kurz – gesorgt. In der Twitterblase wurde daraus ein Kanzler, der sich kichernd weigert, die Bundeshymne mitzusingen …

Beispiele wie dieses gibt es sonder Zahl. Bevor noch klar ist, wie etwas wirklich war, bevor es Gelegenheit gibt, Dinge zurechtzurücken, interessiert es schon keinen mehr, weil längst die nächste Aufregung für Hyperventilation sorgt. Politik steht solcherart gewissermaßen permanent unter Wasser.

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