Meinung
14.07.2017

Parallelwirklichkeiten

Man lebt in Parallelwirklichkeiten, in denen Fakten ignoriert und aus Lügen "alternative Wahrheiten" gemacht werden

Barbara Kaufmann | über Parallelwirklichkeiten

Ich bin eine Nostalgikerin. Wahrscheinlich, weil ich mich in der Vergangenheit besser zurechtfinde als in der Gegenwart. Das, was war, ist ja schon vorbei und kann sich nicht mehr verändern. In der Erinnerung daran liegt eine gewisse Sicherheit. Eine trügerische. Denn in der Erinnerung mischen sich immer Wunsch und Wirklichkeit.

Das kann man in jeder Gerichtsverhandlung beobachten oder in Untersuchungsausschüssen. Können wir uns wirklich darauf verlassen, was wir gesehen haben? Oder gleichen wir das, was wir sehen, nicht immer mit dem ab, was wir sehen wollen? Bedeutet Erinnerung nicht auch manchmal, dass wir das, was geschehen ist mitunter mit dem verwechseln, was geschehen hätte können?

Es gibt einen großartigen Film, den ich mir neulich wieder angesehen habe, der eben diese Fragen aufwirft. „Rashomon“ von Akira Kurosawa, ein Klassiker. Ein japanischer Schwarz-Weiß-Film aus der Nachkriegszeit, in dem es um ein schreckliches Gewaltverbrechen geht, um die Frage nach Opfern und Tätern, um ihre Sicht auf das Geschehene und den Blick eines vermeintlich unbeteiligten Beobachters.

Ein Gericht versucht, das Verbrechen aufzuklären, den Hergang zu konstruieren, doch bei der Einvernahme der Zeugen erzählt jeder eine unterschiedliche Geschichte mit anderem Ausgang. Am Schluss bleiben wie bei jedem guten Film mehr Fragen als Antworten. Der Zuseher muss selbst entscheiden, wem er glauben kann, was tatsächlich geschehen ist, ob es sich um ein Verbrechen handelt oder bloß um die Verkettung unglücklicher Umstände. Was kann man noch glauben, was ist Wahrheit, was Lüge, was selektive Wahrnehmung? Fragen, die heute in Zeiten von Falschmeldungen und hemmungsloser Propaganda aktueller sind denn je.

Unangenehme Wahrheit

Unlängst kam im Ö1 Mittagsjournal ein Politiker zu Wort, der zu Turbulenzen innerhalb seiner Partei befragt wurde und er sagte etwas Erstaunliches und das so feierlich, als wäre ihm selbst bewusst, dass er gerade eine unangenehme Wahrheit offen ausspricht. „Es geht“, sagte er, „um Wirklichkeiten!“

Damit, mit der Mehrzahl nämlich, hatte er recht. Längst scheitert Politik, national wie international, nicht an Nebenschauplätzen wie ideologischen Grabenkämpfen, sondern an der Tatsache, dass man sich mit dem politischen Gegner scheinbar kaum noch auf eine gemeinsame Wirklichkeit einigen kann. Stattdessen lebt man in Parallelwirklichkeiten, in denen Fakten ignoriert und aus Lügen „alternative Wahrheiten“ gemacht werden.

Beispiel Klimaschutz. Während man in Wien kaum noch einen Sommer ohne Klimaanlage übersteht, kommt das Thema im Wahlkampf bisher nur am Rande vor. Donald Trump, aktuell: Weißes Haus, hält die Erderwärmung überhaupt für eine Verschwörungstheorie. Zur selben Zeit knallt in der Antarktis ein Eisberg ins Wasser, eineinhalb Mal so groß wie das Burgenland.

Da fragt man sich schon, wie denn die Welt dort aussieht, in der Parallelwirklichkeit der Klimaskeptiker?

Und langsam muss man sich davor fürchten, dass „ein Sommer wie damals“, einer ohne Unwetter nämlich, ohne Hitzewellen, die an der 40-Grad-Marke kratzen, in nicht so ferner Zukunft bloß noch eine Erinnerung ist, in der nur noch Nostalgiker schwelgen.

eMail: barbara.kaufmann@kurier.at