Öffentlich-rechtlicher Masochismus
Man muss bis zu einem gewissen Maße schmerzbefreit sein, um sich in diesen Tagen für den Job des ORF-Generaldirektors zu bewerben. Diese besondere Form des öffentlich-rechtlichen Masochismus scheint aber gar nicht so selten zu sein, sieht man sich die lange Liste an Bewerberinnen und Bewerbern an. Da werden viele darunter sein, die sich einen Spaß daraus gemacht haben, einmal als möglicher ORF-Chef genannt zu werden. Es gibt aber auch viele ernst zu nehmende Kandidaten aus dem ORF und von außen.
Einige davon mussten in den vergangenen Tagen erleben, was es heißt, wenn man bei diesem Thema nur ein wenig aus der Deckung wagt. Man wird sofort abgestempelt, in ein bestimmtes ideologisches Kasterl gesteckt oder gleich denunziert. Da geht es nicht nur um Parteiinteressen, da sind auch verschiedene Machtzirkel im Spiel, denen der Einfluss im wichtigsten österreichischen Medienunternehmen ein besonderes Anliegen ist. Wo sich Medienmanager fragen müssen, ob sie an der Spitze des Rundfunks tatsächlich agieren können oder ob sie nur der Spielball dieser Kreise sind. Wie da der Stiftungsrat am 11. Juni eine objektive und nachvollziehbare Personalentscheidung nach den Hearings treffen soll, wird wohl unbeantwortet bleiben. Noch dazu, wo dieser Stiftungsrat bzw. Aufsichtsrat des ORF von der eigenen Redaktion infrage gestellt wird.
Für die künftige Generaldirektorin, für den künftigen Generaldirektor kommt noch dazu, dass man derzeit noch nicht sagen kann, welcher ORF dann geführt werden muss. Vorgegebene Einsparungen von bis zu 100 Millionen Euro, die bereits öffentlich herumgeistern, werden das Bild des Rundfunks deutlich verändern. Das bedingt letztlich auch die Änderung von einigen ORF-Gesetzen, um den öffentlich-rechtlichen Auftrag dem angepasst zu definieren. Inwieweit die Bundesregierung da auf einen gemeinsamen Nenner kommt, ist fraglich. Derzeit ist man sich nur einig, dass im Herbst eine große ORF-Reform gestartet werden soll.
Diese schwierigen und komplizierten Rahmenbedingungen lassen es tatsächlich sinnvoll erscheinen, dass die neue ORF-Führung von außen kommt. So kann sie hoffentlich weniger vorbelastet agieren, wenn der ORF tatsächlich im großen Stil umgebaut werden muss. Auch im Hinblick darauf, dass endlich Österreich als ein gemeinsamer Medienstandort – ORF und private Medienhäuser – gedacht werden muss.
Und noch eine Anmerkung dazu: Angesichts der vielen Kandidaten stellt es sich jetzt als Fehler heraus, dass man die Wahl auf den 11. Juni vorverlegt hat. Damit hat man sich alles nun nur noch schwieriger gemacht.
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