Martina Salomon

KURIER-Chefredakteurin Martina Salomon

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Leitartikel
12/28/2019

Nagelprobe für Öko-Großmäuler

Die viel gescholtenen europäischen Unternehmen sind meist deutlich umweltbewusster als die Konsumenten.

von Martina Salomon

Das Jahr 2019 wird in die Geschichte eingehen als Jahr der Öko-Trendwende. Im darüber Reden sind wir EU-Bürger ja schon Weltmeister, im Tun aber eher untermittelprächtig. Bei den Unternehmen ist es oft genau umgekehrt. Österreichische (und auch viele europäische) Firmen sind deutlich "grüner" (und sozialer sowieso) als ihre internationale Konkurrenz. Das hat in Europa die Luft, die Flüsse und Seen sauberer gemacht.

"In Linz, da stinkt’s", reimte man vor ein paar Jahrzehnten u. a. wegen Lenzing und der (verstaatlichten) Chemie Linz. Der weltweit tätige, oberösterreichische Faserhersteller Lenzing ist mittlerweile ein Vorbild in nachhaltiger Produktion. Die Chemie Linz ging unter anderem in der OMV auf, die sich ebenfalls Umweltbewusstsein auf ihre Fahnen geschrieben hat.

Und auch wenn alle aufgeregt über Gift im Essen reden und grüne NGOs alljährlich eine neue Sau durchs Dorf treiben: In Wahrheit sind Lebensmittel so unbedenklich wie noch nie. Auch die Pestizidbelastung ist stark gesunken. Die Agentur für Lebensmittelsicherheit gab erst letzten Sommer beim Thema Pflanzenschutzmittel-Rückstände Entwarnung und fasste zusammen: "Das größte Risiko bei Obst und Gemüse ist, zu wenig Obst und Gemüse zu essen." Was uns wirklich krank machen kann, ist kaum ein Thema: Keime aufgrund mangelnder Hygiene oder Kühlung und zunehmende Antibiotika-Resistenzen.

2019 war übrigens auch das Jahr mit der geringsten Feinstaubbelastung seit Messungsbeginn. Das ist natürlich zu einem Gutteil dem Wetter geschuldet. Man darf aber schon auch darauf hinweisen, dass (trotz Dieselskandals) die neue Autogeneration viel "sauberer" ist.

Zu großer Öko-Fußabdruck

Und wie schaut es mit unserem individuellen Tun aus? Gerade Grünbewegte lieben ihr Kaminfeuerchen – das aber mehr Feinstaub als ein Dieselauto ausstößt. Wir begrüßen das neue Jahr mit einem Riesenfeuerwerk – was knapp einem Zehntel der durch den Straßenverkehr erzeugten Feinstaubbelastung eines ganzen Jahres entspricht! Millionen shoppen online und würgen damit die Wertschöpfung des regionalen Handels ab. Jeder streamt Filme, Serien, Musik – mit miesem ökologischen Fußabdruck. Wir fliegen in entlegenste Länder, wollen täglich Fleisch auf dem Teller, und das möglichst billig.

Fazit: "Kapitalistische" Unternehmen handeln bereits ökologischer – zugegeben, oft auch aufgrund des Drucks der Konsumenten. Diese schreien nach mehr Öko, opfern dafür aber nur ungern ihren persönlichen Komfort. Die künftige türkis-grüne Regierung wird ihnen (und auch der Wirtschaft) mehr abfordern. Das ist dann die Nagelprobe: Wird den Bürgern der Planet näher sein, als das Hemd, gekauft auf der Schnäppchen-Plattform?