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Leitartikel
03/18/2020

Nach der Krise ist vor der Krise

Die Vorstellung, nach der Corona-Krise werde nichts so sein wie bisher, ist irritierend und widerspricht aller Erfahrung.

von Rudolf Mitlöhner

Was macht die Krise mit uns? Im Moment stehen natürlich die ganz konkreten Fragen der Krisenbewältigung, insbesondere in medizinischer Hinsicht, aber auch in allen anderen Lebensbereichen (nicht zuletzt der Wirtschaft), im Vordergrund.

Aber jenseits dessen, auf einer Metaebene, hat schon die Debatte über das „Danach“ begonnen: Wird sich durch „Corona“ unsere Art zu leben langfristig ändern, werden andere gesellschaftliche, politische, ökonomische Spielregeln gelten?

Nicht wenige scheinen der Meinung zu sein, dass nach der Krise nichts mehr so sein werde wie bisher. Das entspricht dem Hang des Menschen zur Apokalyptik: eine Art Angstlust am eigenen Untergang, der nur durch radikale Umkehr abgewendet werden könnte. Das Motiv zieht sich, nicht selten religiös aufgeladen, durch die Menschheitsgeschichte.

In säkularer Form zeigt sich das Phänomen heute auch als radikale Zivilisations- und Kapitalismuskritik, wie sie vielfach von Bewegungen und Gruppierungen vertreten wird, die im Gewande fortschrittlich-aufgeklärter Humanität auftreten.

Eine globale Krise wie die gegenwärtige ist jedenfalls Wasser auf die Mühlen jener, die seit jeher das „System“ für falsch  und daher einen „Systemwandel“ für das Gebot der Stunde halten. Sie finden sich übrigens an den linken wie rechten Rändern unserer Gesellschaften.

Instrumentalisierung der Krise

Vieles spricht indes dafür, dass dieser Wandel ausbleibt. Dass nach der Krise grosso modo vor der Krise ist. Weil der Mensch so ist, wie er eben ist. Das heißt nicht, dass sich nichts lernen ließe. Möglicherweise werden wir im konkreten Fall manche ökonomische Abhängigkeiten (Stichwort: Medikamentenproduktion) überdenken, auch generell, ob die Auslagerung vieler Produktionen, die Deindustrialisierung Europas so eine gute Idee war.

Aber alles in allem ist nicht nur anzunehmen, sondern zu hoffen, dass nicht alles anders sondern nur manches vielleicht besser wird. Dies umso mehr, als – entgegen allen Beschwörungen des Gemeinsamen und des Miteinanders zum Trotz – die Instrumentalisierung der Krise schon längst begonnen hat. Man beachte etwa, wie angesichts der Tatsache, dass die ÖVP aktuell aus guten Gründen das Ziel eines ausgeglichenen Haushalts hintanstellt, die diesem Ziel zugrunde liegende ordnungspolitische Überzeugung zu diskreditieren versucht wird.

Um nicht missverstanden zu werden: Jetzt sind alle Kräfte zur Eindämmung der Pandemie vonnöten. Aber danach wird es wieder darum gehen, Politik zu machen, um die besseren  Konzepte zu streiten – und jenes „System“ weiterzuentwickeln, welches sich schon bisher bewährt hat.