© APA/HERBERT PFARRHOFER

Leitartikel
03/12/2021

Nach Corona um halb sechs …

Die größten Gefahren der Pandemie liegen in der Akzeptanz der Beschneidung von Freiheitsrechten zugunsten eines höheren Ziels.

von Rudolf Mitlöhner

Ganz klar ist nicht, was hinter Sebastian Kurz’ Auftritt steht, bei dem er die Impfstoffverteilung innerhalb der EU kritisierte. Weder nahm er die vergemeinschaftete Impfstoffbeschaffung ins Visier (wofür es durchaus Gründe gäbe), noch beklagte er eine Benachteiligung Österreichs. Wollte er sich also zum Anwalt osteuropäischer Länder machen, sich als Staatsmann präsentieren, der über den nationalen Tellerrand hinaus fürs europäische Ganze denkt – oder einfach den grassierenden Unmut angesichts des hiesigen Impfchaos’ umlenken? Sei’s drum.

Auf den Wochentag (Freitag) genau vor einem Jahr trat Kurz ebenfalls vor die Presse, damals nicht alleine, sondern gemeinsam mit dem Innen- und dem Gesundheitsminister. Eine eigenartige Stimmung lag da in der Luft, als das Trio angesichts steigender Corona-Infektionszahlen (von deren damaliger Höhe wir heute nur träumen können) den ersten Lockdown ab Montag, dem 16. März 2020 verkündete. Kaum jemand ahnte, dass wir auch noch ein Jahr später mitten in der Pandemie stecken würden. Aber die Beklemmung angesichts einer bislang ungekannten Herausforderung war mit Händen zu greifen.

Nun stehen wir wieder vor Ostern, aber von „Auferstehung“ mag diesmal keiner sprechen. Immerhin gibt es – trotz aller Rückschläge – die vage Hoffnung, dass wir mit den schleppend gestarteten Impfungen noch im Laufe dieses Jahres einen Rockzipfel der „Normalität“ zu fassen bekommen.

Langfristig liegen die größten Gefahren dieser Pandemie freilich jenseits des Epidemiologischen: dass wir die Idee der Beschneidung von individuellen Freiheitsrechten im Sinne eines übergeordneten Zieles allzu bereitwillig akzeptiert oder gar verinnerlicht hätten.  Aussagen einzelner Politiker deuteten ja bereits darauf hin, dass man diese Strategie von der Überwindung der Pandemie auch auf die „Klimarettung“ übertragen wolle. Aber zu „retten“ gibt es auch sonst jede Menge: den sozialen Zusammenhalt, den Euro, Europa …

Immer geht es um das Hintanstellen des Einzelnen gegenüber einem wie immer definierten Kollektiv. „Wir dürfen gar nicht säumen, / dem Staate liegt daran, / den bösen Untertan / schnell aus dem Weg zu räumen“: Dieser Satz aus Beethovens „Fidelio“ verdichtet die dahinterstehende totalitäre Logik in zeitloser Weise („Staat“ und „Untertan“ ggf. zu ersetzen).

Nein, es wäre völlig ahistorisch anzunehmen, nach der Pandemie würde wieder „alles so wie früher“ sein. Aber umso wichtiger wird es sein, an jenen Errungenschaften festzuhalten, welche die „westliche“ Erfolgsstory ausgemacht haben. Und gerade in Wien darf man sich auch ein Stück Schwejk’scher gelassener Unverwüstlichkeit wünschen. In diesem Sinne: „Nach Corona um halb sechs im Schweizerhaus“ …

 

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