Meinung
28.01.2013

Mittelstand ist Sklavenstand

Zwischen Sattheit, Feigheit, Liebhaberei und Verrat hat sich der stark zersplitterte Mittelstand so sehr geschwächt, dass er nur mehr als Sklavenstand taugt.

Den Mittelstand trifft der Steuerbedarf der verschuldeten Nationen mit voller Härte und Regelmäßigkeit

Mag. Wolfgang Lusak | über die Lage des Mittelstandes

Bumm, Bumm, Bumm! Aus historischen Filmen kennen wir die Galeerentrommler, welche den Sklaven an den Rudern den Takt vorgeben. Wenn da wer aufbegehrt hat wurde er nieder gepeitscht und die Taktanzahl noch erhöht. Aufstände wurden von Verrätern aus den eigenen Reihen, die sich von den Sklavenhaltern kleine Begünstigungen erhofften verhindert. Aus Schwäche, Schmerz und Angst vor den Unterdrückern sind Revolten dieser und anderer Sklaven in früheren Zeiten denkunmöglich gewesen und entsprechend selten vorgefallen. Der Arbeitsdruck konnte beliebig erhöht werden, weil jede Menge Sklavennachwuchs verfügbar war.

Sklavendasein

Es kommt einem so vor, als ob sich manche althergebrachte Unterdrückungsformen in subtiler Form bis heute erhalten haben. Wenn man sich bei den Chefs aber auch den Angestellten normaler mittelständischer Betriebe – und von deren sklavenförmigem Dasein soll hier heute die Rede sein – so umhört, dann fühlen auch diese Schwäche, z.B. durch körperliche und geistige Überanstrengung oder durch Fehlen an Kapital für Investitionen. Sie fühlen Schmerz, z.B. durch ständig wachsende Belastungen, Abgaben, Steuern und Bürokratie. Sie fühlen Angst vor Verlust ihrer Existenz und ihrer Position in der Gesellschaft, sie fühlen sich schutzlos ausgeliefert. Zu recht im doppelten Sinn: Einerseits, weil sie auf weitgehend legalem Wege von den zwei dominanten Großlobbys entmachtet wurden und ausgebeutet werden: Von a) den globalen Kapital- und Markenkonzernen und b) den starken Soziallobbys, den Vertretern der Beamten, Prekären, Arbeitslosen, Pensionisten – beide zahlen wenig bis keine Steuern, beide werden als Faktoren des bestehenden politischen Systems subventioniert und im Notfall auch gerettet. Andererseits, weil sie, die Mittelständler sich selbst in diese verzwickte Lage hineinmanövriert haben - sie sind eben nicht nur Opfer sondern auch Täter und Verursacher ihres eigenen Elends.

Todsünden

Ihre selbst zerstörerischen Todsünden sind leicht aufzuzählen: Die bauernschlaue Sattheit mit der viele – den alten Mercedes noch immer stolz abstaubend - auf die Reste ihres Wohlstandes blicken, den Kopf in den Sand stecken oder sich in die Pension retten. Die blinde Gott- und Schicksals-Ergebenheit mit der sie mitsamt ihrer Teams im Hamsterrad immer höherer Effizienz und unfassbarer Arbeitsstundenanzahlen schuften. Die naive Liebhaberei mit der vor allem die Material-, Technik- und Perfektions-Besessenen speziellen Lösungen hinten nachlaufen ohne ordentlich kalkulieren, vermarkten und kommunizieren zu können. Die große Feigheit, einer als Höflichkeit getarnten Anpassungssucht, mit der viele den wahren Machthabern begegnen – nicht wenige sind sogar in eine Art kollektives Stockholm-Syndrom verfallen: Wenn Opfer in der Ausweglosigkeit ihre Peiniger zu lieben beginnen. Der perfide Verrat, mit dem mittelständische Funktionäre oder der Großlobby-Politik Nahestehende aus bloßem Eigenvorteilsstreben ihre Branchen-Kollegen mit Scheinaktivitäten und künstlich pervertiertem Interessenausgleich verschaukeln. Ihre enorme Uneinheitlichkeit, Zerrissenheit und Unfähigkeit sich in zeitgemäßer Weise zusammenzuschließen und durchzusetzen, z.B. sind sie in der WKO überall und damit nirgends wirklich kompakt vertreten. Um das gleich klar zu stellen: Ich kenne viele tolle, mutige und erfolgreiche Unternehmer und Funktionäre des Mittelstands, aber es sind der Guten zu wenig!

Belastungen

Die andere Seite geht aus deren Sicht auch wirklich clever vor: Sie verwenden das von den Regierungen unkontrollierbare Finanzsystem – niemand kann es mehr erklären, aber einseitig nutzen schon – um z.B. mit dem Basler Modell dem Mittelstand Finanzierung zu verweigern und vor sich herzutreiben, Bumm! Jedes Jahr erfinden Sie neue Belastungen, neu in Österreich z.B. die Kündigungsabgabe, Familien-Teilzeit und die unscharf formulierte Lobbyisten-Registrierungs-Vorschrift auch für Klein- und Mittelbetriebe, Bumm!. Monopolistische Überlegenheit und werblich verbreitete Marken-Zwänge der Konzerne beschränken den Spielraum der KMU und zwingen sie in immer kleiner werdende Submärkte sowie knebelnde Abhängigkeiten, Bumm! Während die ganz Großen Ihre Gewinne Steuer schonend weitgehend bewahren und die sozial ganz Schwachen keine Steuern zahlen können, trifft den Mittelstand der Steuerbedarf der verschuldeten Nationen mit voller Härte und Regelmäßigkeit, Bumm! Das seltsame Kollektiv der Superreichen und der scheinbar sozial Schwachen hat in unausgesprochener Einigkeit und unter der Duldung der auch davon profitierenden Regierungen einen neuen Sklavenstand gefunden und züchtet mit künstlich erzeugten Gründerwellen viele, viele neue (Eine-Person-)Unternehmen, die dort in die Hamsterräder nachrücken, wo verzweifelte und ruinierte Mittelständler den Ring verlassen. Ohne ihnen eine Verschnaufpause zu gönnen, wird der Druck weiter verstärkt, die Schlagzahl der Belastungen weiter erhöht: Die Trommeln dröhnen in die Sklavenseelen derjenigen die glauben: Bumm, Bumm, das ist der Rhythmus wo ich mit muss.

Mitstreiter

Aber das alles ist dennoch kein Grund sich völlig zu ergeben. An die vielen empörten und handlungsbereiten Mittelständler, die sich frei von den standestypischen Todsünden fühlen und das nicht mehr bieten lassen wollen: Bildet Euch weiter in den wichtigen Management-Disziplinen, besonders in Marketing, PR und Lobbying! Kämpft mit Hilfe dieser Methoden um Zugänge, Förderungen, Genehmigungen, Zertifizierungen, Aufträge und Finanzierungen für Eure Firma! Schafft mit Gleichgesinnten, Partnern und Kollegen neue kleine KMU-Gruppen, die sich auf Lokal- und Regional-Ebene durchsetzen können! Geht mit allem, was Ihr dort nicht schafft in unabhängige Unternehmer- und Führungskräfte-Organisationen wie z.B. ÖGV und WdF um dort weitere Mitstreiter und Instrumente zu finden! Verlangt auch von Eurer WKO neue Strukturen und bessere Unterstützung in Bezug auf Rahmenbedingungen, bringt aber auch Themen, Ideen und Arbeitsleistung ein: Wo in der WKO gibt es für Mittelstand und KMU eine eigene Organisation, wie für die Frauen und die Jungen?

Lieber Mittelstand: Schalte die Trommeln zuerst in Deinen Gehirnen ab! Wenn sie dort nicht mehr existieren, dann kannst Du sie überall verdrängen und frei sein.