© APA/HARALD SCHNEIDER

Leitartikel
12/12/2020

Mission Weihnachten: Alles ver-rückt

Den ersten Kampf gegen das Virus haben wir verloren. Beim zweiten brauchen wir primär Verstand statt schwerer Geschütze

von Gert Korentschnig

Kennen Sie den? Da schwirrt im Netz ein Cartoon herum, auf dem zu sehen ist, wie ein Familienvater Anweisungen erteilt. „Du bewachst die Tür“, sagt er zu einem. „Wenn die Polizei kommt, springst du aus dem Klofenster“, zum anderen. „Und du wartest im Auto mit laufendem Motor“, zum dritten. Von hinten fragt einer: „Plant ihr einen Banküberfall?“ Darauf die Mutter: „Nein, Weihnachten.“

So weit sind wir gekommen, dass der Heilige Abend ein hohes kriminelles Potenzial hat. Zu wievielt dürfen wir wirklich feiern? Warum gilt die neue Regel für den 24. und 25., nicht aber für den 26.? Und wieso schaut es zu Silvester und am 1. Jänner wieder anders aus? Haben Sie noch den Überblick? Und Ihren Humor behalten?

Immerhin ist es nicht das erste Mal, dass Verordnungen Unklarheit bringen. Wird schon einen tieferen etymologischen Grund haben, warum das Verb ver-ordnen heißt. Die Vorsilbe „ver“ ist oft negativ konnotiert.

Erinnern wir uns nur an den Oster-Erlass (wobei „erlassen“ eigentlich einen positiven Konnex hätte). Oder an die Ver-ordnung, dass es nur erlaubt sei, „Einzelne“ zu treffen. An die begriffliche Unterscheidung zwischen hartem und softem Lockdown. Oder an den jüngsten Streit, ob die Polizei die Einhaltung der Quarantäne in Wohnungen kontrollieren dürfe. Darf sie nicht, weil der Aufschrei zu groß war. Zu groß ist längst auch das Chaos, sodass sogar Pressekonferenzen zu jeder Viertelstunde dieses nicht beseitigen würden.

Nun kann man sich an der Regierung festbeißen, kritisieren, dass sie beim Versuch der Krisenbewältigung blind im Virus herumstochere – oder sie ebenso wutschnaubend mit dem Argument verteidigen, dass es anderswo auch nicht besser laufe. Man kann lautstark eine Allianz mit den empörten Teilen der Bevölkerung bilden – oder diesen Ignoranz vorwerfen. Man kann fluchen wie „La Linea“ oder sich mitten entzwei reißen wie Rumpelstilzchen.

Druck erzeugt aber physikalisch wie politisch Gegendruck, daher hilft es angesichts dieser ver-rückten Lage, einen Schritt zurückzutreten und sich das Problem sachlich und ideologiefrei anzuschauen. Fakt ist: Wir haben den Kampf gegen das Virus in einem zentralen Punkt verloren – wir werden es nicht mehr los, schon gar nicht mit der momentanen Inkonsequenz von allen Seiten. Das hässliche Ding mit den Noppen geht nicht mehr weg. Mission 1 verpasst.

Kommen wir daher zu Mission 2: Lernen wir endlich, mit dem Virus zu leben, zumindest bis die Durchimpfungsrate hoch genug ist. Prüfen wir, welches Risiko uns wofür angemessen erscheint – und verzichten wir im Zweifelsfall. Investieren wir mehr Energie in die Einhaltung der banalsten Maßnahmen als in die Rebellion. Und fragen wir uns, ob Weihnachten in diesem Jahr wirklich sein muss wie früher. Oder nicht ausnahmsweise wie ganz früher.

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