Eine Jugend zwischen Wodkabull und Pfefferspray

Eine Jugend zwischen Wodkabull und Pfefferspray
Über die Jugend am Land, hässliche Wandfarben; über Teenager, denen die Pandemie viel genommen hat. Und über eine Polizei, die sich mit Pfefferspray bedankt.
Marco Weise

Marco Weise

Revanchieren. „Ich bin am Land in Oberösterreich aufgewachsen. Mich begleitet das, was einige ernsthaft als österreichische Leitkultur bezeichnen, seit dem Kindergarten. Da wo ich herkomme, gilt Komasaufen als Hobby. Rassismus gehört genauso dazu wie das Schnitzel am Sonntag.“ Diese Einschätzung stammt von der jungen Autorin Eva Reisinger, die, wie viele andere in diesem Land auch, irgendwo im Nirgendwo Österreichs sozialisiert wurde – zwischen Häusern „mit großen Hecken oder einem Zaun, einer Doppelgarage und zweifelhaften Wandfarben, grellgelb wie ein Neonmarker oder babyrosa wie ein verwaschener Strampelanzug. Der eine Nachbar hatte dauerhaft eine Österreichflagge in seinem Garten gehisst. Vor unserem Haus gab es eine Bushaltestelle, doch der Bus blieb nur zweimal am Tag stehen und am Wochenende gar nicht. Die Bushütte taugte höchstens zum heimlichen Rauchen“, schreibt Reisinger in ihrem Buch „Was geht, Österreich?“

Solche „Flaggen-Nachbarn“ hatte ich zum Glück nicht. Und zum Rauchen waren bei uns die Bushütten nicht zu gebrauchen. Zu viel Betrieb. Wir fanden andere Orte.
Da Reisingers Buch für den deutschen Markt ausgerichtet ist, gibt es immer wieder Erklärungen zu Austriazismen, was die Piefke (und leider auch schon viel Ösi-Kids) sicherlich voll „dufte“ finden, mir aber völlig powidl ist. Außerdem kann man vorblättern – etwa zum Kapitel „Rücktrittskultur“. Damit haben wir es ja nicht so. Danach folgt „Schlägern“. Das können wir schon besser, was uns zur Polizei bringt, wobei die zunehmend Pfefferspray statt Schlagstock einsetzen – siehe Karlsplatz-Räumung. Nur so viel dazu: In der Pandemie haben jungen Menschen ihre Jugend aufgegeben und mehrheitlich Rücksicht auf Ältere genommen, die nun geimpft ihre Freiheiten genießen. Es wäre Zeit, Danke zu sagen und sich zu revanchieren – mit Impfvorrang, Öffnung der Clubs und Aufhebung der Sperrstunde.

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