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Leitartikel
08/27/2021

Zur Lage in Afghanistan: Mehr Realitätssinn, weniger Illusionen

Die USA wollen nicht mehr Weltpolizist sein und hinterlassen ein Desaster in Afghanistan. Und die Europäer? Die müssen ihre oft nur moralisierende Rolle überdenken.

von Martina Salomon

Der überhastete NATO-Rückzug aus Afghanistan könnte eine Zeitenwende einläuten. Weil er eine bittere Erkenntnis brachte: Die westliche Ordnungsmacht ist unfähig, eine Stammes- und Kriegergesellschaft, die sich mit Drogenhandel finanziert, in einen demokratischen Staat umzuwandeln.

Fast 20 Jahre Krieg, 240.000 Todesopfer, 100.000e Flüchtlinge und eine verpuffte Billion Dollar der Amerikaner sind die schreckliche Bilanz. Doch viele Afghanen empfanden die US-Streitkräfte als unwillkommene Besatzungsmacht, die eingesetzte Regierung als korrupt und unfähig. Der Einsatz der Amerikaner galt ursprünglich auch keinem hehren Ziel, sondern der Tötung Osama Bin Ladens.

Aber es könnte auch sein, dass unser westlicher, speziell der europäische Blick auf andere Staaten (inklusive Russland oder China) von Überheblichkeit geprägt ist – und dem Wunsch, allen unser Wertesystem aufzuzwingen. Dabei gelingt das nicht einmal bei allen in Europa lebenden Zuwanderern, bei denen viele die Scharia über dem heimischen Recht stehen sehen, die Religion über dem Staat und Männer über Frauen.

Auch der Arabische Frühling ist im Großen und Ganzen ein Desaster des westlichen Eingreifens. Würde übrigens noch Donald Trump regieren (der den Afghanistan-Rückzug anordnete), würden wir Europäer jetzt wieder hyperventilieren. Bei Biden herrscht größere Milde, und Barack Obama wird geradezu verklärt. Dabei eint alle drei in Bezug auf Europa dieselbe Politik: die sich in ihrer pazifistischen Haltung sonnende EU dazu zu bringen, ihr Territorium selbst verteidigen zu können. Wer weiß zum Beispiel, ob es an der russischen Grenze nicht noch weitere bewaffnete Konflikte geben wird? Ehrliche Zahlen, wie viel das an Verteidigungsbudget und Mannstärke kosten würde, gibt es nicht, schon gar nicht in Österreich. Geht uns nix an, wir sind neutral.

Da beschäftigt man sich doch lieber mit allgemeiner Weltrettung samt erhobenem Zeigefinger (speziell in Deutschland und Österreich). Die Briten, als einzige mit einem einigermaßen funktionierenden Militärapparat, haben fatalerweise schon das Weite gesucht – vielleicht folgen bald auch osteuropäische Länder. Schwierige Voraussetzungen für ein gemeinsames Vorgehen der EU. Das militärische Vakuum, das die USA hinterlassen, versuchen Russland, China, zum Teil auch die Türkei zu füllen – mit weniger moralischen und viel deutlicheren Machtansprüchen. Womit China zum Beispiel in Afrika erfolgreicher ist als die jahrzehntelange – teure – Entwicklungshilfe. Europa muss seinen eigenen Weg finden. Er sollte unsere Werte, wer immer die definiert, nicht opfern, dafür mehr Realitätssinn haben. Die bequeme Position, sich über die USA stets (und oft zu Recht) aufzuregen, selbst aber nur wenig Engagement zu zeigen, müssen wir wohl aufgeben.

Martina Salomon
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