Martina Salomon

KURIER-Chefredakteurin Martina Salomon

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Leitartikel
03/11/2020

Lernen ohne Schule - geht das?

Das wird eine extreme Herausforderung für Eltern (und deren Arbeitgeber), auch wenn für Betreuung an Schulen gesorgt wird.

von Martina Salomon

Ausnahmesituationen verlangen unkonventionelle Lösungen. Ab Montag werden die Schulen etappenweise bis Ostern geschlossen. Als erste bleiben die Oberstufenschüler daheim, ab Mittwoch alle anderen. Das wird eine extreme Herausforderung für Eltern (und deren Arbeitgeber), auch wenn an den Schulen für Betreuung gesorgt werden soll.

Die Maturatermine werden verschoben. Hätte es voriges Jahr nicht ein anderes unerwartetes Ereignis gegeben, wäre es jetzt vielleicht schon etwas leichter, Schüler „aus der Entfernung“ zu unterrichten. Die Ibiza-Affäre killte die Regierung und damit auch den fertig ausgearbeiteten „Masterplan Digitalisierung“, der im September des Vorjahres starten sollte.

Auf einen echten Fernunterricht sind die Schulen – bis auf wenige Vorzeige- und Modellschulen und einzelne hoch engagierte Lehrer – leider nicht eingestellt. Finnland und Schweden sind uns da weit voraus. Österreich hat außerdem einen veralteten Lehrkörper (daher demnächst eine große Pensionierungswelle) mit zum Teil sehr „analogen“ Unterrichtsmethoden. Jetzt ist das Organisationstalent der Direktorinnen und Direktoren gefragt.

Es müssen nicht nur Schulveranstaltungen storniert, sondern auf die Schnelle Plattformen eingerichtet, Gruppen in Messenger-Diensten gebildet und Mailadressen eingesammelt werden. Das wird nicht überall funktionieren. Vergessen wir nicht die vielen Brennpunktschulen, wo schon der herkömmliche Unterricht nur mit Mühe (und manchmal gar nicht) seine Bildungsziele erreicht. Das Schulwesen ist schon jetzt überfordert, Themen wie digitales Lernen oder fächerübergreifender Unterricht waren da bisher quasi ein Luxusproblem. Abgesehen davon ist keineswegs sicher, ob alle Schüler daheim so ausgerüstet sind, dass sie einem digitalen Unterricht folgen könnten (geschweige denn wollen). Mit dem Smartphone allein wird das nicht klappen.

Positiv betrachtet könnte man das sogar als Chance begreifen, um digitalem Lehren und Lernen zum Durchbruch zu verhelfen. Die Lehrenden werden dennoch weiterhin der Schlüssel zum Lernerfolg sein. Sie sind es, die mit positiver Autorität und manchmal sogar mit Entertainerqualitäten Schüler unterstützen, motivieren, zu höherer Leistung antreiben. (Und sie sind es leider gleichzeitig auch, die viel kaputtmachen können.) Den persönlichen Unterricht wird ein Fernunterricht nie ganz ersetzen können

– auch an den Unis sind es die mitreißenden Vortragenden, die das Feuer an einem Thema erst so richtig entfachen.

So wie das Schulwesen derzeit aufgestellt ist, müsste man im Grunde – wie der Sachbuchautor Andreas Salcher vorschlägt – die Ferien von Juli auf jetzt vorziehen und die Schulzeit dafür heuer verlängern. Aber den darauf folgenden Aufstand wollte sich wahrscheinlich niemand antun.