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Die ÖVP in Geiselhaft der Dauerempörten

Österreich führt eine ideologische Scheindebatte, statt sich damit zu beschäftigen, das Kinderkriegen zu entproblematisieren.
Martina Salomon
newborn baby portrait with funny shocked face expression

Wenn man in diesem Sommer aus einem fernen Land – sagen wir zum Beispiel aus Alaska – nach Wien zurückkommt, dann kann man sich über die heimischen Debatten nur wundern. Da hat ein Kanzler im Bürger-Gespräch gemeint, dass er Kinderbetreuung nicht mit Erwerbsarbeit samt Überstundenzuschlägen usw. gleichsetzen möchte, was ja legitim ist (sowie für den ohnehin schon jetzt überfürsorglichen Staat auch gar nicht leistbar wäre) – und zack, steht die Republik in Flammen. Die (kinderlose) Fragerin argumentierte zwar mit falschen Zahlen, der Kanzler glaubte dennoch, sich entschuldigen zu müssen, obwohl klar war, dass hier ein Satz aus dem Zusammenhang gerissen wurde, um den Politiker des Hinterwäldlertums zu zeihen. (Dabei ist seine eigene Frau keineswegs ein Hausmütterchen.)

Könnte es sein, dass sich die ÖVP wieder einmal in Geiselhaft einer kleinen moralisch-elitär-linken Gesinnungsgemeinschaft begeben hat, die lustvoll eine sinnlose Empörungslawine inszeniert? Diesmal sogar im Chor mit der FPÖ, die nichts auslässt, um den Schwarzen eins auszuwischen, und sicher froh war, das Klimathema loszuwerden, bei dem sie nichts zu gewinnen hat! Es ist bezeichnend, dass es parallel dazu kaum Aufregung über den Sager der AK-Chefin gegeben hat, die Kinderbetreuung flugs als „Hundsarbeit“ bezeichnete. Tatsächlich ist Kinderbetreuung oft mühsam und zerrt an Nerven und Geldbeutel. Aber „Hundsarbeit“? Echt jetzt? Wer so etwas sagt, macht sich mitschuldig am dramatischen Geburtenschwund.

Denn im Grunde diskutieren alle an einem wunden Punkt vorbei: Trotz einer der großzügigsten Familienförderungen der Welt fehlt jungen, mittelständischen Familien viel zu oft der Mut zum Kind, den ihre Eltern und Großeltern unter schlechteren Bedingungen hatten. Man überlässt das Kinderkriegen lieber den Zuwanderern. Tatsächlich bekommen zum Beispiel in Syrien geborene, hier lebende Frauen laut Geburtenbarometer vier Kinder, also drei Mal so viele wie „autochthone“ Österreicher. (Und wie eine neue Statistik zeigt, zählen sie auch stark zur steigenden Zahl an Einbürgerungen.)

Weil zu viele dieser Familien in Österreich aber nie richtig angekommen sind, haben wir gerade eine Bildungskatastrophe im Pflichtschulwesen. Wer das leugnet, sollte eine Brennpunktschule besuchen. Egal, die politisch Gerechten sind derweilen mit Wichtigerem beschäftigt. Zum Beispiel liefen bei einer Männerdemonstration in Wien einige Teilnehmer symbolisch gebückt als Teil eines „Walk of Shame“ durch die Stadt. Na, diese Selbstgeißelung wird potenzielle Gewalttäter ja sicher beeindruckt haben. Ist da vielleicht jemand zu lange in der Sonne gewesen? Das Land hätte ernsthaftere Diskussionen verdient.

Porträt von Martina Salomon vor dem Schriftzug „Kurier Kommentar“.

KURIER-Herausgeberin Martina Salomon

Die Österreichische Volkspartei wurde 1945 in Wien als Nachfolgepartei der Christlichsozialen Partei gegründet. Die Parteifarbe der ÖVP ist Türkis (das frühere Schwarz wird aber auch noch verwendet). Sie vertritt das bürgerliche, konservative Spektrum und gilt traditionell als der Wirtschaft, den Bauern und der römisch-katholischen Kirche nahestehend – sie wird daher als Mitte-rechts-Partei eingeordnet.

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