Wien muss mehr ESC werden
Der Song Contest war in Österreich tot: eine künstlerisch hochnotpeinliche Veranstaltung, bei der Punkte nach Blöcken vergeben wurden wie im Kalten Krieg, mit chauvinistischen Darbietungen neuer europäischer Länder, die mehr über den Zustand der jeweiligen Nation aussagten als über Können – erträglich nur noch für Zyniker, wenn das Live-Event durch den Kommentar-Fleischwolf von Grissemann/Stermann getrieben wurde. Eine Art musikalischer Inquisition.
Und dann kam Tom Neuwirth alias Conchita.
Ein Talent, wie man es nur alle heiligen Zeiten findet, ein Bühnenwunder mit Ausstrahlung und sympathischem Lächeln, ein Künstler von großer Ernsthaftigkeit, auch im Umgang mit Kritikern – und als Frau mit Bart Vorreiter in der Hinterfragung von Geschlechterrollen. Über Mitternacht im Mai 2014 war der Song Contest wieder Thema in diesem Land, das sich davor musikalisch durchaus arrogant primär über andere Genres definiert hatte.
Der daraus resultierende ESC in Wien brachte eine ungekannte Buntheit, auch eine Grellheit über die Stadt, sodass man sich fragte, mit wie vielen Ufos die Außerirdischen wohl gelandet sein mögen. Anders als bei „Mars Attacks“ stellten sie jedoch als völlig friedlich heraus.
Nun, dank des Vorjahressieges eines Countertenors mit dem Namen JJ (wie bezeichnend für Österreich, dass jemand aus dem Staatsopern-Umfeld gewann), halten die Extraterrestrischen ihre 70. irdische Jahrestagung neuerlich in Wien ab. Und seltsamerweise scheint dieses Treffen immer noch zu polarisieren (wie in Wien ja alles polarisiert, nur nix ändern!).
Dabei handelt es sich bei den Song-Contest-Reisenden durch die Galaxis nicht wirklich um Außerirdische, sondern um vornehmlich junge Menschen, viele davon queer, von denen man sich einiges abschauen könnte. Zum Beispiel Weltoffenheit, Toleranz, den Wunsch nach Frieden, den Glauben an das Gemeinsame, die Ablehnung von radikalen Systemen, den Wunsch nach Freiheit, auch in der Entscheidung für die jeweilige Lebensform. Selbst der anderswo alles überlagernde Siegeswillen ist ihnen nicht zentral, man freut sich auch mit anderen. So gesehen transportiert der ESC den olympischen Gedanken besser als jedes Sportereignis.
Leider wurde er aber schon im Vorfeld von der Realität eingeholt, etwa beim Streit über den Umgang mit Israel. Auch dass Ungarn schon vor Jahren ausgestiegen ist und Putin einen Gegenbewerb gegründet hat, zeigt, wie politisch der ESC ist (und als durchaus subversiv erachtet wird).
Wien darf nicht Chicago werden, hieß es früher einmal. Man ist geneigt zu sagen: Wien muss mehr ESC werden (nicht nur in dieser Woche). Gilt übrigens auch für Oberwart und Innsbruck und alles dazwischen.
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