Nach Rücktritt von Roland Weißmann: Talfahrt vom Küniglberg
Der Küniglberg hat gebebt, und weil dieser im politischen Herzen dieses Landes steht, hat es weit über den Küniglberg hinaus gescheppert.
Eben noch ist Roland Weißmann in den verbalen Infight mit FPÖ-Stiftungsrat Peter Westenthaler gegangen, eben noch galt er als (Gerade-noch-)Favorit für die ORF-Wahl, eben noch war er auf der Bingokarte für den Song Contest fix gesetzt, und dann war er weg. Als gelernter Österreicher reibt man sich verwundert die Augen.
Es geht um den Vorwurf „sexueller Belästigung“ (ORF-Aussendung) bzw. „unangemessenen Verhaltens“ (Weißmanns Anwalt) gegenüber einer Mitarbeiterin. Weißmann weist die Vorwürfe, die er im Detail nicht kenne, zurück und ist am Sonntag um 11.45 Uhr zurückgetreten.
Ausgerechnet am Frauentag, nachdem der Umgang des ORF unter seiner Ägide mit Frauen über 50 immer wieder kritisiert worden war. Man würde den Schritt ja uneingeschränkt gutheißen – ein Mann zieht nach Vorwürfen Konsequenzen, anstatt diese bis zur Klärung auszusitzen –, gäbe es nicht, wie bei allem rund um den ORF, derart viele politische Nebentöne. Und noch viel mehr Kontext, der das Ganze über die Sache hinaus auflädt.
Der Rücktritt kommt nämlich, je nach Ansicht und Interessenslage, zum allerungünstigsten oder zum allergünstigsten Zeitpunkt. Und zwar zugleich im österreichischen Politikbiotop und der echten Welt.
Denn die öffentlich-rechtlichen Sender sind europaweit in der Defensive, dazu braucht es gar kein politisches Laientheater wie die ORF-Wahl. Fake-News-Vorwürfe, die Gebühren, das Einstehen für einen gesellschaftlichen Grundkonsens, der zunehmend links aus dem Bild verschwindet – all das wird im politischen Seitenwechsel, den wir gerade erleben, gegen die Öffentlich-Rechtlichen in Stellung gebracht. Wenn diese sich dann auch noch, wie zuletzt die BBC (Trump-Doku) und das ZDF (KI-Bilder), schwere Blößen leisten, geht eine brandgefährliche politische Flanke auf, die schwer wieder zu schließen ist.
Das ist beim ORF nicht anders. Der Rücktritt und auch die angekündigte ORF-interne Aufarbeitung bezüglich anderer Fälle werden politisch ausgeschlachtet werden. Das reiht sich nahtlos in eine lange Liste an porösen Stellen im Küniglberg ein, die nicht zuletzt die FPÖ seit Jahren zur eigenen politischen Bestärkung nützt. Dass der wegen Israel ohnehin schon politisch aufgeladene Song Contest auch noch dazwischenkommt, hilft eher nicht. Und keine der Mitte-Parteien wird sich besonders gern vor den ORF stellen, es gibt in dieser Angelegenheit nichts zu gewinnen. Wieder einmal ist auch eine Chance für dringend notwendige Reformen im ORF verstellt. Denn diese müssten mit kühlem Kopf erfolgen. Den hat aber derzeit keiner der Beteiligten.
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