ORF-Generaldirektor Roland Weißmann nach Vorwürfen zurückgetreten
Sechs Monate vor der Neubestellung der ORF-Führung: Generaldirektor Weißmann kann nicht nur einstecken, sondern auch austeilen.
Der Generaldirektor des ORF, Roland Weißmann, ist am Sonntag mit sofortiger Wirkung zurückgetreten. Grund sind "Vorwürfe unangemessenen Verhaltens" gegenüber einer Frau im Jahr 2022, zu Beginn seiner Amtszeit als ORF-Chef, laut einer Aussendung des Anwalts. Roland Weißmann bestreitet diese Vorwürfe.
Der Rücktritt ist ein Erdbeben am österreichischen Medienmarkt und setzt die anstehende ORF-Wahl im August unter völlig neue Vorzeichen. Diese soll planmäßig stattfinden, heißt es aus dem ORF-Stiftungsrat. Eine Herausforderung ist das auch für die Abwicklung des Song Contests im Mai.
"Frist von wenigen Tagen"
„Mein Mandant wurde vom Stiftungsrat darüber in Kenntnis gesetzt, dass ihm von einer Mitarbeiterin unangemessenes Verhalten zu Beginn seiner Amtstzeit als Generaldirektor (2022) vorgeworfen wird", heißt es in einem Schreiben seines Anwalts. "Ihm wurde seitens des Stiftungsrates eine Frist von wenigen Tagen eingeräumt, um seinen Rücktritt zu erklären, obwohl mein Mandant die Vorwürfe bestritten hat und eine inhaltliche Überprüfung der Vorwürfe nicht erfolgte".
Weißmann läge "der genaue vorgebrachte Sachverhalt" bis jetzt "nicht vor". Er sei, "um Schaden vom Unternehmen abzuwenden, zu weitreichenden Zugeständnissen bereit" gewesen und daher am Sonntag um 11:45 mit sofortiger Wirkung von seiner Funktion als Generaldirektor zurückgetreten.
Es werden rechtliche Schritte angkündigt.
Stiftungsrat: "Rasche und transparente Aufklärung"
"Der im Raum stehende Vorwurf verlangt dennoch eine rasche und transparente Aufklärung in enger Kooperation mit der ORF-Compliance-Stelle, bei der die Wahrung des Schutzes der betroffenen Person das oberste Ziel sein müsse", so der Stiftungsrats-Vorsitzende Heinz Lederer und sein Stellvertreter Gregor Schütze laut einer Aussendung. "Lederer und Schütze danken Roland Weißmann für seine Verdienste und die 30jährige Tätigkeit im ORF."
Radiodirektorin Ingrid Thurnher soll mit der vorläufigen Führung der Geschäfte des Generaldirektors beauftragt werden.
Heinz Lederer, Vorsitzender des ORF-Stiftungsrats: „Es ist die Verantwortung des ORF-Stiftungsrats, nun rasch die nötigen Schritte zu setzen, damit die erhobenen Vorwürfe transparent und mit aller Konsequenz aufgeklärt werden können und die reibungslose Fortführung der Geschäftsführung garantiert ist. Mit der von uns als Generaldirektorin vorgeschlagenen Ingrid Thurnher ist dies sichergestellt!“
Gregor Schütze, Stellvertretender Vorsitzender des ORF-Stiftungsrates: „Mit der entschiedenen Vorgangsweise zeigt der ORF-Stiftungsrat, dass er auch in schwierigen Momenten eine ruhige Hand bewahrt. Ingrid Thurnher wird den ORF mit ihrer großen Erfahrung souverän durch diese herausfordernden Zeiten führen!“
Weißmanns Karriere im ORF
Weißmann war vor seiner Tätigkeit als ORF-Chef seit 2012 „Chefproducer Fernsehen“, womit er das größte Programmbudget im ORF verwaltete. Ab 2017 war er zudem Vizefinanzdirektor.
Weißmann war 2016 vom damals frisch wiederbestellten ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz zunächst sogar als Kaufmännischer Direktor vorgesehen. Nachdem der ÖVP-„Freundeskreis“ im obersten ORF-Gremium den Preis für die Zustimmung zu Wrabetz' Direktorenteam aber immer weiter in die Höhe schraubte, wurde es doch nichts mit dem Posten des Finanzdirektors. Wrabetz machte den am 16. März 1968 geborenen Weißmann schließlich zum stellvertretenden Finanzdirektor.
Nach dem Publizistik- und Geschichtestudium landete er 1995 im aktuellen Dienst im ORF-Landesstudio Niederösterreich. Nach Zwischenstopps als Chef vom Dienst bei Ö3 und als stellvertretender Chronikressortleiter in der ORF-Radioinformation, zog es Weißmann, der in seiner Freizeit Ausgleich beim Laufen und Boxen sucht, erneut nach Niederösterreich, wo er ab 2003 stellvertretender Chefredakteur war.
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