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Neue ORF-Führung: Die Chance des Scherbenhaufens

Clemens Pig betritt als ORF-Generaldirektor ein Medienunternehmen, das mit Baustellen übersät ist. Das bietet ihm die Möglichkeit, alles neu aufzustellen.
Martin Gebhart
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Es war schon weit nach Mitternacht, als Clemens Pig als neuer ORF-Generaldirektor den wartenden Medien präsentiert wurde. Und es war eine Frage, die danach unter den Beobachtern sofort die Runde machte: Sollen wir ihm gratulieren oder sollen wir ihn bedauern? 

Auf der einen Seite ist der Job an der Spitze des Rundfunks sicherlich der interessanteste und lukrativste, den Österreichs Medienwelt zu bieten hat. Auf der anderen Seite musste Pig ein teilweise unwürdiges Schauspiel über sich ergehen lassen, ehe die Entscheidung gefallen war. Dazu kommt, dass er am Küniglberg von der Mannschaft nicht wirklich mit offenen Armen empfangen wird.

Es ist auch ein schwerer Rucksack, mit dem er in das Büro des Generaldirektors einziehen wird. Clemens Pig hat den Stempel verpasst bekommen, der Kandidat der ÖVP zu sein. In erster Linie, weil der türkise Generalsekretär Nico Marchetti sich bemüßigt gefühlt hatte, seinen Namen öffentlich fallen zu lassen. Clemens Pig hat diese Verbindung zwar in mehreren Hearings strikt zurückgewiesen, zur Kenntnis genommen wurde es aber nicht mehr. Dabei hat es in der ÖVP tatsächlich einen internen Streit gegeben, ob Clemens Pig Generaldirektor werden soll oder nicht. Da war man im Zentrum von Wien anderer Meinung als in manchen Landeshauptstädten.

Clemens Pig muss auch damit leben, dass der Redakteursausschuss in der ORF-Redaktion eine interne Abstimmung durchgeführt hatte, bei der am Ende Lisa Totzauer als Wunschkandidatin für die Nachfolge von Roland Weißmann eine Mehrheit fand. Dazu kommen die Freistellungen von Werbechef Oliver Böhm und Manager Pius Strobl sowie die Arbeitsgerichtsprozesse mit Ex-Generaldirektor Weißmann. Und nicht zuletzt hat SPÖ-Finanzminister Markus Marterbauer in seinem Budget bereits verankert, dass der ORF in Zukunft auf 93 Millionen Euro verzichten muss. Vom Imageverlust des ORF seit dem Aufbrechen verschiedenster Affären gar nicht zu reden.

Mit anderen Worten: Clemens Pig übernimmt einen Scherbenhaufen, von dem man normalerweise die Finger lässt. Das kann aber auch zu einer Chance werden. Angesichts dieser Rahmenbedingungen muss der ORF grundlegend reformiert, muss das ORF-Gesetz neu geschrieben werden. Das müssen auch jene am Küniglberg einsehen, die gerne den momentanen Status bewahrt hätten. Der ehemalige APA-Geschäftsführer kann nun einen neuen ORF errichten, der für die Zukunft gerüstet ist. Er weiß, dass das in Österreich nur in einer Zusammenarbeit mit den privaten Medienhäusern Sinn macht. Entscheidend wird sein, welche Direktoren künftig sein Umfeld bilden. Zu groß ist die Gefahr, auch als Generaldirektor zum Spielball verschiedenster Machtzirkel zu verkommen.

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