Wechsel von ÖVP-Generalsekretär: Auf dem Schleudersitz
Mit Nico Marchetti hat die ÖVP einen Abgeordneten in ihren Reihen, der mit seiner gewinnenden Art das Bild der Türkisen aufhellt. Der Wiener, der sich offen zu seiner Homosexualität bekennt, begegnet den meisten Menschen mit freundlicher Miene, versucht selbst bei den härtesten
Auseinandersetzungen ein bestimmtes Niveau nicht zu verlassen und linientreu die Werte der Volkspartei vor sich her zu tragen. Trotz dieser für einen Politiker eigentlich atypischen Eigenschaften hat er es vom tiefroten Wiener Gemeindebezirk Favoriten bis in die Bundesparteizentrale geschafft.
Dort aber ist er jetzt als Generalsekretär gescheitert. Sein neuer Politstil reichte nicht, um der gesamten Partei zu gefallen. Er reichte vor allem nicht, um erfolgreich zu sein und die Umfragewerte der ÖVP wieder nach oben zu treiben. Dazu kamen die fehlende Achse mit den Landesparteien, was angesichts der ab Herbst 2027 bevorstehenden Landtagswahlen ein besonderes Manko dargestellt hat, und der fehlende verbale Bihänder, wenn es um die Abgrenzung gegenüber anderen Parteien gegangen ist. Schnitzer wie die vorzeitige Nennung von Clemens Pig als Wunschkandidat für die ORF-Wahl waren zusätzlich Wasser auf die Mühlen seiner innerparteilichen Gegner. Am Ende sah sich Kanzler und Parteiobmann Christian Stocker gezwungen, den Stecker ziehen, um die Chance zu wahren, mit neuem Schwung in den Herbst gehen zu können. Gelingen soll das mit Markus Gstöttner, der zuletzt mit dem Projekt Reformpartnerschaft betraut gewesen ist.
Ob er ab August der neue Heilsbringer für die Türkisen ist, bleibt abzuwarten. Seine Bestellung hat bei den Funktionären nicht nur für Applaus gesorgt. Gstöttner gilt zwar als Experte, der Aufgaben zielgerichtet und fokussiert bewältigen kann – er hat in den Kabinetten von drei Kanzlern mitgearbeitet –, er kommt aber nicht aus der Struktur, wie es in der ÖVP so schön heißt. Sprich: Er war zwar Landtagsabgeordneter in Wien, ist aber in der komplizierten Architektur der türkisen Parteienfamilie nicht wirklich verankert. Sich in dem Geflecht aus Bundespartei, Landesparteien und den Bünden zu behaupten und darin nicht unterzugehen, wird deshalb seine größte Herausforderung. Dazu kommt, dass er nicht im Nationalrat sitzt. Was die Arbeit erschwert. Auf jeden Fall muss er die Kommunikation auf allen Ebenen neu aufstellen. Da geht es um die Außenwirkung, die Gesprächsbasis mit den Landesparteien und eine bessere Koordination der türkisen Ministerbüros.
Bei seiner Präsentation hat Markus Gstöttner sehr zuversichtlich gewirkt. Ob das in einem Jahr auch noch der Fall ist, hängt davon ab, welche Rolle genau und wie viel Macht ihm die Partei letztlich zugesteht.
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