90 Minuten Krisen-Pause: Wie der Fußball Menschen zusammenschweißt
Österreich jubelt über das 3:3
Was war das für ein Match? In der scheinbar letzten Minute die große Enttäuschung – und in der allerletzten Minute dann die große Ekstase. Das schweißt zusammen. Chatgruppen glühen, Gespräche kreisen immer wieder zurück zu diesem Thema. Hier die Community – dort die Helden oder zumindest Protagonisten.
Wir leben in schwierigen Zeiten. Regierungen schnüren Sparpakete, Unternehmen kürzen ihre Ausgaben und/oder bauen Personal ab. Die Arbeitslosigkeit steigt, ebenso die Armut. Der Wocheneinkauf wird zum Rechenbeispiel, größere Anschaffungen werden verschoben, mancher Urlaub fällt aus. Fast täglich hören wir, dass wir den Gürtel enger schnallen müssen – als Gesellschaft ebenso wie als Einzelne.
Und doch gibt es eine Welt, in der von all dem kaum etwas zu spüren ist: der internationale Fußball. Turniere werden immer größer und spektakulärer, Millionentransfers weiter abgewickelt, Rekordsummen umgesetzt. Wer die Fußball-Weltmeisterschaft verfolgt, sieht perfekt produzierte Übertragungen, Stars in luxuriöser Designerkleidung und Zehntausende Fans, die sich teure Tickets, Flüge in die USA und hohe Preise für Verpflegung leisten können. Nichts deutet darauf hin, dass Geld gerade knapp sein soll. Im Gegenteil: Der Fußball vermittelt den Eindruck grenzenlosen Wachstums – als gäbe es keine Rezession, keine Budgetlöcher und keine Existenzängste.
Das Erstaunliche ist aber nicht das Geld im Fußball, sondern unsere Gelassenheit ihm gegenüber. Menschen, die unter der Teuerung leiden oder um ihren Arbeitsplatz bangen, empören sich erstaunlich wenig (oder wenig sichtbar) über Millionengehälter oder astronomische Ablösesummen. Der Fußball scheint nach anderen Maßstäben beurteilt zu werden als der Rest der Wirtschaft. Während Managergehälter regelmäßig für Diskussionen sorgen, bleiben Fußballmillionäre erstaunlich oft von grundsätzlicher Kritik verschont. Warum ist das so?
Der Fußball dient wieder zunehmend als Eskapismus, der uns für 90 Minuten die Sorgen des Alltags vergessen lässt. Er ist eine Parallelwelt, in der wir den Überfluss akzeptieren, weil wir dort nicht an unsere eigenen Rechnungen denken. Fußball ist Unterhaltung, Identifikation und emotionaler Zufluchtsort. Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten wächst offenbar das Bedürfnis nach Momenten, in denen nicht Verzicht, sondern Begeisterung regiert.
Vielleicht ist das auch zu einem gewissen Grad gesund. Natürlich soll man kritisch auf Ungerechtigkeiten schauen und darf Millionensummen hinterfragen. Aber so ein bisschen gemeinsam eine Auszeit von der Krise nehmen, kann auch nicht ganz verkehrt sein. Wie gestern, beim gemeinsamen Jubel in aller Früh.
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