Raus aus der Negativspirale!
Kriminalpsychologe Thomas Müller weiß sein Publikum zu provozieren. Beim „Family Business Summit“ in Linz am Donnerstag hielt er ein Plädoyer gegen das „pathologische Opfertum“. Auch wenn wir uns das nur ungern eingestehen: Österreicher lieben es, die Schuld am eigenen „Elend“ nur bei anderen statt bei sich zu suchen. Von der heimischen Politik wird und wurde das ja immer gerne unterstützt. Wir regen uns folglich über ein am Boden liegendes Papierl lieber auf, als uns selbst danach zu bücken. Politiker finden wir alle unmöglich, doch selbst ein Volksvertreter zu werden, wenigstens auf Gemeindeebene? Geh bitte, dafür findet sich doch immer jemand, den man zwar arglos um eine Intervention bittet, aber empört ist, wenn es andere auch tun. Überhaupt: Politiker! Sind doch eh alles Gfraster, oder?
Bei aller berechtigter Kritik müssen wir aufpassen, unser Land nicht zu Tode zu jammern. Dabei geht es nicht nur um die großen Ärgernisse (Überbürokratie!, fehlender Reformmut!, mangelnde Rechtssicherheit!), sondern auch um die kleinen. Heuer neu sind die überhitzten Klassenzimmer. Zunehmendes Thema: regelmäßig verspätete ÖBB-Züge. Dazu kommt: Zorn, wenn eine digitale Steuererklärung viel zu kompliziert auszufüllen ist (war da nicht einmal das Versprechen von einem „Bierdeckel“?), oder Platzangst in der immer ärger überfüllten Wiener U-Bahn mit gefühlt längeren Intervallen als sonst (und da reden wir noch gar nicht von dem wegen Kostenexplosion auf den St. Nimmerleinstag verschobenen Wiener U-Bahn-Ausbau, für den die halbe Innenstadt verwüstet bleibt).
Das alles sind tatsächlich Plagen. Doch wenn jede kleine Laus, die einem über die Leber läuft, prompt in anklagendem Ton auf Social Media gestellt wird, entsteht eine Negativspirale, die durchaus geeignet ist, die Demokratie zu destabilisieren. Die Hasslawinen, die unter die Accounts öffentlicher Institutionen und Politiker (bei freilich oft tatsächlich peinlicher Eigeninszenierung) gepostet werden, sind erschreckend. Wird hier nicht auch durch (u. a. russische?) Trolle gezielt versucht, unsere Gesellschaft weiter zu spalten?
Lasst uns öfter innehalten und auch das Gute sehen. Dazu braucht es gar nicht den Vergleich mit den Kriegs- und Krisengebieten der Welt – oder die grauenhafte Vorstellung, eine Frau im afghanischen Taliban-Regime oder im Mullah-Iran zu sein. Always look on the bright side of life! La vita e bella – gerade im Sommer. Wir leben trotz des schwierigen globalen Umfelds in einem reichen, noch immer sicheren, schönen Land. Sorgen wir dafür, dass es nicht den Bach runtergeht. Grund für Weltuntergangsstimmung und Katastrophenhysterie gibt es nicht. Kritik ist angebracht, kühlen Kopf bewahren aber auch.
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