Mehr Macht für den Kanzler

ÖVP-Chef und Bundeskanzler Karl Nehammer
Das Bild, das die türkis-grüne Koalition derzeit abgibt, schreit nach einer Änderung der Spielregeln in der Bundesregierung
Martin Gebhart

Martin Gebhart

Es war bei einer Wahlveranstaltung der ÖVP im Jahr 2017, als der damals frisch gebackene Parteichef Sebastian Kurz mehr Macht für das Bundeskanzleramt forderte. Konkret wollte er eine Richtlinienkompetenz gegenüber den Ministern ähnlich jener in Deutschland. Der Plan wurde wieder rasch fallengelassen, weil Kurz dafür nicht die notwendige Zwei-Drittel-Mehrheit im Parlament erhalten hätte. Vehement dagegen war damals auch die SPÖ, obwohl deren Ex-Kanzler Werner Faymann und Alfred Gusenbauer davor ein ähnliches Ansinnen umsetzen wollten. Damals hatte sich übrigens die ÖVP dagegen positioniert.

Nach Sebastian Kurz gab es keinen prominenten Politiker mehr, der das Thema aufgegriffen hat. Dabei wäre gerade jetzt die Zeit gekommen, wieder ernsthaft darüber zu diskutieren. Das blamable Schauspiel rund um das EU-Renaturierungsgesetz schreit nach einer Änderung der Spielregeln in der Regierung. Dass sich ein Bundeskanzler dagegen ausspricht, seine Ministerin aber auf EU-Ebene ihre Hand für das Gesetz hebt, mag formal möglich sein, es darf aber dennoch nicht passieren. 

In Brüssel jedenfalls hat sich Österreich damit lächerlich gemacht. Und die grüne Leonore Gewessler hat ihren türkisen Regierungschef Karl Nehammer in gewisser Weise bloßgestellt. In Österreich konnte nur dadurch ein vorzeitiges Ende der Koalition verhindert werden, dass der Wahltermin am 29. September bereits fixiert ist.

Jetzt ist so eine Richtlinienkompetenz nicht einmal im Ansatz der Schlüssel für einen autokratisch agierenden Regierungschef. Auch wenn so mancher Gegner der Idee sofort diesen Begriff in die Waagschale wirft. 

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