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Eine Weggabelung für ganz Europa

Nicht nur Frankreich wartet auf den Gerichtsentscheid für Marine Le Pen. Er könnte eine entscheidende Veränderung für ganz Europa nach sich ziehen.
Ingrid Steiner-Gashi
Marine Le Pen lächelt Jordan Bardella an, während sie ihn vor einem dunklen Hintergrund umarmt.

Natürlich kann man hoffen, dass alles nicht so schlimm kommen wird. Man könnte auch schwören, dass die Hysteriker und Panikmacher wie gewohnt übertreiben. Und nicht zuletzt wäre da noch Giorgia Meloni zu erwähnen: Italiens rechte Regierungschefin hat schließlich nicht – wie von zahlreichen Kritikern befürchtet – den Faschismus neu ausgerufen, sondern sich mit einem pragmatischen außenpolitischen Kurs einen geachteten Platz in Europa gesichert. Warum also sollte man wegen des jungen Franzosen Jordan Bardella den Teufel an die Wand malen?

Der 30-jährige Rechtspopulist könnte ab 2. Mai der nächste Präsident Frankreichs sein – und das würde nicht nur das Land, sondern ganz Europa erheblich verändern. Sich zu fürchten, ist in der Politik immer der schlechteste Weg.

Aber sich für alle Szenarien vorzubereiten, von Brüssel bis nach Berlin und selbst nach Wien, wäre dringend angeraten. Noch bleibt Zeit, sich ein Frankreich auszumalen, das erstmals in seiner Geschichte von einem weit, weit rechts stehenden, europaskeptischen, nationalistischen, anti-migrantischen Co-Chef des populistischen Rassemblement National (RN) geführt wird.

Mögliches Kandidaturverbot

Am Dienstag könnte diese Möglichkeit ein Stück näher rücken: Denn sollte das Berufungsgericht in Paris das fünfjährige Kandidaturverbot für RN-Gründerin Marine Le Pen bestätigen – und das ist sehr wahrscheinlich –, zöge ihr politischer Kronprinz Jordan Bardella in den Kampf um das Präsidentenamt. Jung, smart, rhetorisch versiert, auf allen Sozialen Medien daheim und einen Hauch moderater als seine politische Ziehmutter hätte er wesentlich bessere Chancen, bei den Stichwahlen im Frühling zu siegen als Marine Le Pen. 

Allein schon aus dem Grund, dass der mit einer Bourbonen-Prinzessin liierte junge Mann aus einem der wildesten Vorstadtviertel von Paris nicht Le Pen heißt. Vater und Tochter Le Pen haben insgesamt acht Mal Stichwahlen um das erste Amt im Staat verloren. Selbst die treuesten Anhänger des teils rechtsextremen RN hoffen deswegen im Stillen, dass sich dieses Mal ihr populärer Jungstar in den Wahlkampf stürzt.

Natürlich, noch führt kein rechtspopulistischer Politiker den französischen Staat, aber vorbereiten sollte sich Europa lieber schon heute. Denn zumindest in der europäischen Verteidigung, um die es ohnehin nicht besonders gut steht, würde es Dämpfer geben.

Unter Frankreichs Atomschirm schlüpfen? „Nicht mit mir“, stellte Bardella schon jetzt klar. „Frankreich zuerst“, lautet seine Devise. Und auch was den deutsch-französischen Motor in der EU angeht, ohne den sich in Europa kaum etwas bewegt, darf man sicher sein, dass er stottern wird. Wie gesagt, hoffen kann man immer. Sich vorbereiten wäre besser.

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