Die Politik verschläft den Börsenboom
Es scheint auf den ersten Blick paradox: Die Ölpreise sind rund 60 Prozent höher als zu Jahresbeginn, die Inflation beginnt wieder um sich zu greifen, und das prognostizierte Wirtschaftswachstum schmilzt dahin. Angesichts dieser Umstände mag die Robustheit der Finanzmärkte verwundern.
Denn rund um den Globus – von Asien über Europa bis nach Nordamerika – klettern die Aktienkurse wieder steil nach oben und Rekorde purzeln. Die massiven Kurseinbrüche mit Beginn des Krieges im Iran sind längst wieder wettgemacht, ein im Rückspiegel betrachtet unbedeutendes und lästiges Ereignis, welches das Streben der Investoren nach noch mehr Gewinnen nur kurzfristig unterbrechen, aber nicht aufhalten konnte.
Boom der Künstlichen Intelligenz
Getragen wird der aktuelle Aufwärtstrend vom Boom der Künstlichen Intelligenz und der damit verbundenen Nachfrage nach Computerchips. Die Kurssprünge haben also eine reale Basis und sind – zumindest bis auf Weiteres – keine Luftschlösser.
Auch die Wiener Börse profitiert von der allgemein positiven Stimmung, wobei es in Wien wegen der unterrepräsentierten Techkonzerne weniger der KI-Hype ist, sondern vielmehr die bessere Konjunktur in Osteuropa, wo viele der hier beheimateten Unternehmen stark engagiert sind und einen Gutteil ihrer Gewinne machen.
In die Gänge kommen
Die heimische Politik sollte die aktuelle Euphorie endlich zum Anlass nehmen, bezüglich Börse in die Gänge zu kommen. Die Versprechen der vergangenen Jahre sind lang, umgesetzt wurde de facto nichts. Im Gegenteil, man muss als österreichischer Anleger befürchten, dass politische Initiativen in Richtung Bestrafung von Anlegern gehen. Jüngstes Beispiel: Zur Sanierung des Staatsbudgets kursierte die Idee, die Kapitalertragssteuer zu erhöhen.
Schon einmal wurde von SPÖ und ÖVP diese Steuer auf Wertpapiere erhöht (und der Schritt nie wieder zurückgenommen) sowie die einjährige Spekulationsfrist abgeschafft. Seit damals müssen Anleger, die längerfristig vorsorgen wollen, vor allem für die Pension, beim Verkauf die volle Steuer zahlen. Das erhöhte Risiko bei Wertpapieren tragen sie aber selbst. Es ist daher höchste Zeit, sogenannte Vorsorgedepots zu ermöglichen, die ab dem Zeitpunkt der Pensionierung den steuerfreien Verkauf von Wertpapieren ermöglichen. Auch das würde zur Entlastung des angeschlagenen Pensionssystems beitragen.
Ebenfalls längst überfällig ist es, interessierten Unternehmen den Weg an die Börse zu erleichtern. Sonst wandern sie ab oder werden von ausländischen Akteuren übernommen. Gerade Start-ups und mittelgroßen Betrieben fehlt hier oft eine Anschubfinanzierung. Um einen entsprechenden Fonds, gespeist aus staatlichen und privaten Mitteln, ist es wieder verdächtig still geworden.
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